51. Tagung Radio Jazz Research
In Zusammenarbeit mit dem Lippmann & Rau-Archiv

Das RJR-Porträt08:
Das L&R Archiv als politische Institution
Reinhard Lorenz im Gespräch mit Bernd Hoffmann

Reinhard Lorenz — Hüter des klingenden Gedächtnisses Geboren 1952 im thüringischen Etterwinden, fand Reinhard Lorenz früh zu jener Musik, die sein Leben fortan begleiten sollte wie ein innerer Kompass: Jazz und Blues, jene Klänge, die Freiheit und Widerständigkeit in sich tragen. Ein frühes Konzerterlebnis – kaum mehr als ein jugendlicher Zufall – geriet für ihn zum Schlüsselmoment: Der melodische Funke entzündete eine Leidenschaft, die ihn nie wieder verlassen sollte. „Am 7. April 1965“, erinnert sich Reinhard Lorenz, „hatte ein denkwürdiges Konzert tiefe Spuren in meinem Herzen hinterlassen, die bis ins Heute reichen. Kein Geringerer als der große Louis Armstrong hob in der Erfurter Thüringenhalle meine jugendliche Weltsicht aus den Angeln und machte mich lebenslang neugierig auf afro-amerikanische Musik und Kultur. Mein damaliger und unvergessen gebliebener Kunstlehrer musste mich während der nächtlichen Rückfahrt nicht überreden, Mitglied in der damals so genannten »Arbeitsgemeinschaft Jazz des Automobilwerkes« zu werden. Fortan gehörte ich zu jenem stadtbekannten Kreis, der versuchte, mit Konzerten, Vorträgen und eben der »posaune« (eine Zeitschrift, die die AG Jazz in den 1960er Jahren herausgab. Anm. d. Autors) für eine stete Verbreitung des Jazzbazillus zu sorgen. Sein Bildungsweg führte Reinhard Lorenz nach Leipzig, wo er Sport- und Theaterwissenschaften studierte und damit zwei Disziplinen verband, die Bewegung und Ausdruck, Körper und Bühne gleichermaßen ernst nehmen. Es folgte die Arbeit als Dramaturg am Landestheater Eisenach, während der sich Lorenz bereits journalistisch der Musik zuwandte – als freier Autor von Jazzsendungen für Radio DDR II. So stand er früh an der Schnittstelle von Wissenschaft, künstlerischer Praxis und publizistischer Reflexion. Der Kulturpolitiker, der niemals den Klang verlor. 1990 übernahm Lorenz die Leitung des Kulturamtes der Stadt Eisenach. Man könnte meinen, Verwaltung sei das stille Gegenstück zur Freiheit des Jazz, doch Lorenz bewies über Jahrzehnte, dass sich Kulturpolitik nicht in Aktenordnern erschöpfen muss: Er verstand sie als gestaltende Kraft. Parallel dazu blieb er dem Jazzclub Eisenach verbunden, dessen künstlerische Leitung er bereits 1986 übernommen hatte. Dieser Club, hervorgegangen aus der 1959 gegründeten „Arbeitsgemeinschaft Jazz“ im Automobilwerk, war in der DDR ein wagemutiger Ort musikalischer Selbstbehauptung. Unter der Leitung von Lorenz entwickelte er sich zu einer vibrierenden Institution, die Konzerte, Vorträge, Diskussionsrunden, Schallplattenabende und Lesungen vereinte – ein Raum, in dem Gemeinschaft zu einem kulturellen Akt und Musik Transmissionsriemen des Gedankenaustausches Gleichgesinnter wurden. Vom Club zum Archiv – und zur Idee eines kulturgeschichtlichen Gedächtnisses Lorenz’ eigentliche Vision jedoch reichte weiter: Er wollte die Musik nicht nur aufführen, er wollte sie bewahren. 1999 gründete er mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern das Internationale Jazzarchiv Eisenach, das heutige Lippmann+Rau-Musikarchiv. Dass dieses Archiv in der Alten Mälzerei, einer restaurierten Industriebau-Ikone, seine Heimat fand, war kein Zufall, sondern eine poetische Setzung: Wo früher Malzschwaden durch die Räume zogen, lagerten nun Schallplatten, Briefe, Fotografien, Filme und Instrumente – klingende Zeitkapseln einer globalen Musikkultur. Unter der Leitung von Reinhard Lorenz wuchs die Sammlung zu einer der umfangreichsten ihrer Art des Landes. Ihre Bestände dokumentieren nicht nur die Entwicklung von Jazz und populärer Musik, sie erzählen zugleich von politischen und gesellschaftlichen Aufbrüchen, von Migration, Austausch und Begegnung. 2006 folgte die Gründung der Lippmann+Rau-Stiftung, die dem Archiv eine institutionelle Zukunft gab und Forschung wie Vermittlung dauerhaft miteinander verband. Architektur als Resonanzraum Die Alte Mälzerei ist heute mehr als ein Archivgebäude: Sie ist Denkmal, Bühne und öffentlicher Resonanzkörper. In ihren Sälen und Gewölben begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart; hier werden Konzerte gespielt, Lesungen gehalten, Erinnerungen geteilt. Für Lorenz war dies keine Gegenüberstellung, sondern ein organisches Zusammenspiel. Musik ist in seinem Verständnis niemals bloß Erinnerung, sondern stets lebendige Tradition – offen für Veränderung, ein nie endendes Gespräch über Generationen hinweg. Immer wieder hat Lorenz betont, dass Jazz und Blues für ihn Ausdruck einer Haltung sind: der Sehnsucht nach Freiheit. Gerade in der DDR war diese Musik mehr als ästhetische Mode – sie war ein Gegenentwurf zur Enge, Soundtrack des Aufbegehrens. In Archiv wie Club wollte Lorenz Brücken schlagen: zwischen Vergangenheit und Zukunft, Ost und West, Dokumentation und Erleben. So wuchs aus privatem Engagement ein kollektives Gedächtnis. Kultureller Anker, Mission und Vermächtnis Dass Eisenach heute ein fester Ort der deutschen Jazz-Landkarte ist, ist auch dem unermüdlichen Wirken von Reinhard Lorenz zu verdanken. Der Jazzclub blieb lebendig, während viele andere Initiativen verschwanden. Das Archiv wurde zu einer national wie international anerkannten Forschungsstätte. Und die Alte Mälzerei avancierte zu einem signifikanten Ort kultureller Identität, weit über Thüringen hinaus. Für Musikerinnen, Wissenschaftlerinnen und Musikliebhaber steht der Name Reinhard Lorenz für Beharrlichkeit, Leidenschaft und eine selten gewordene Form von kulturellem Verantwortungsbewusstsein. Die von missionarischem Eifer getragenen Aktivitäten von Reinhard Lorenz unterstreichen, dass ein Einzelner mit Vision und Ausdauer Kulturgeschichte aktiv mitgestalten kann. Sein Lebenswerk ist - über den Tag hinaus - ein leiser, aber kraftvoller Gesang an die Freiheit und an jene Musik, die ihr Sinnbild ist. Ulf Drechsel im Dezember 2025
Das RJR-Porträt09:
Uwe Kropinski
Im Gespräch mit Arne Schumacher

Ulf Drechsel
05.11.2025
RADIO JAZZ RESEARCH
Porträt Uwe Kropinski
Uwe Kropinski ist als Gitarrist ein Solitär. Auf atemberaubende Weise verschmilzt er die Historie der Jazzgitarre mit mediterraner Gitarren-Tradition. Der Korpus seiner Gitarre wird zum Perkussionsinstrument. Er spielt so virtuos, dass man oft den Eindruck hat, mindestens zwei Musiker zu hören.
Seinen Anfang nahm der musikalische Weg des 1952 in (Ost-) Berlin geborenen Gitarristen mit der Musik der Beatles. Sie inspirierte Uwe Kropinski dazu, 1966 die Gitarre in die Hand zu nehmen und sich dem Instrument als Autodidakt zu nähern. 1968 gründete er Die Cropies, eine Schülerband, in der bis 1970 u.a. die spätere „First Lady des DDR-Rock“, Tamara Danz, Uwes damalige Freundin, sang.
1973 begann Uwe Kropinski ein vierjähriges Studium an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin. Er studierte sowohl klassische Gitarre bei Dieter Rumstig als auch Jazzgitarre. Dennoch blieb er zunächst im Bereich von Rock- und Pop-Musik aktiv. U.a. in der in der DDR recht populären Band EXPRESS, in der - nebenbei bemerkt - auch der spätere Jazz-Piano-Shooting-Star Axel Donner spielte.
1977 mischt Uwe Kropinski seine Gitarren-Karten neu. Durch die Begegnung mit dem Posaunisten Conrad Bauer wendet er sich dem Jazz, der improvisierten Musik zu. Und: Er tauscht die elektrische gegen die akustische Gitarre, auf der er im selben Jahr bei der Jazzwerkstatt Peitz sein erstes Solo-Konzert gibt. Grob überschlagen beginnt hier das inzwischen knapp 50 Jahre währende Jazz-Abenteuer von und mit Uwe Kropinski.
Dieses Abenteuer bedeutet ungezählte Übungsstunden, Reisekilometer in komfortablen und unbequemen Autos, Zügen und Flugzeugen, Konzerte auf großen Bühnen und in kleinen Kaschemmen, Nächte in billigen Absteigen und noblen Hotels.
Dieses Abenteuer wurde und wird geprägt durch die Begegnungen mit Musik aus unterschiedlichsten kulturellen Kontexten und mit Musikerinnen und Musikern, die sie spielen.
Neben der Zusammenarbeit mit Conrad Bauer in verschiedenen Besetzungen war zunächst die Arbeit mit dem eigenen, Anfang 1980 gegründeten Quartett (mit Volker Schlott, Peter Gröning und Günter Bartel) für Uwe Kropinski von großer Bedeutung und trug aufgrund einer musikalischen Gratwanderung zwischen Fusion- und freiem Jazz wesentlich zu seiner Popularität bei einem zumeist studentischen DDR-Publikum bei.
Uwe Kropinski spielte zwischen 1977 und 1986 in zahlreichen Band-Konstellationen mit nationalen und internationalen Größen der improvisierten Musik und gastierte in fast allen europäischen Ländern.
Im Fokus seiner Arbeit stand aber immer das solistische Spiel, das er seit 1989 auf nach seinen Vorstellungen für ihn gefertigten Instrumenten mit 39 Bünden des niederländischen Gitarrenbauers Theo Scharpach praktiziert.
Wie kein anderer nutzt Uwe Kropinski seine Gitarre auf absolut frappierende Weise - simultan zum Spiel auf den Saiten - auch als Perkussionsinstrument. In täglichen Übungsstunden hat er dafür eine derartige Virtuosität entwickelt, dass selbst ein weltläufiger „Gitarren-Zauberer“ wie Pat Metheny ins Staunen kam: „Ich glaube, ich war noch nie von einer Solo-Performance so beeindruckt wie von seiner. Er spielt die Gitarre, wie ich es noch von niemandem gehört habe.“
Obwohl Uwe Kropinski in der DDR von den Gagen als Jazzmusiker sehr gut leben konnte und im Vergleich zu vielen anderen Kolleginnen und Kollegen ein privilegiertes Leben führte (u.a. mit Reisemöglichkeiten ins westliche Ausland), wurde ihm das Land zu eng. Zu eng im Denken. Freie Musik allein macht nicht automatisch den Menschen frei.
So kehrte er 1986 nach einem Konzert in Bayern nicht in die DDR zurück, lebte zunächst in Nürnberg, ab 1987 in Köln und ist seit 1998 wieder zu Hause in Berlin.
In den Jahren 1988 bis 2009 war Uwe Kropinski musikalisch eng verbunden mit dem aus Portland/Oregon stammenden Bassisten David Friesen. Mit ihm reiste er quer durch Deutschland, Europa und die USA. Insbesondere die USA-Tourneen waren auf vielfältige Art faszinierend für Uwe Kropinski, sorgten aber auch für eine neue Sicht auf das „gelobte Jazz-Land“.
Trotz der Dominanz des solistisches Spiels sind musikalische Partnerschaften für Uwe Kropinski wichtig. Wichtig für einen Austausch über die Musik hinaus. Er ist die Basis für langjährige Zusammenarbeit. Zum Bespiel mit dem Flötisten Michael Heupel, mit dem er u.a. 1993 mehrere afrikanische Länder bereiste. Einige weitere Duo-Partner waren und sind der Pianist Dieter Köhnlein, der Bassist Jamaaladeen Tacuma, der Saxofonist Volker „Holly“ Schlott und die Gitarristen Rudolf Dašek, Jürgen Heckel und Helmut „Joe“ Sachse. Mit ihm spielte er auch seit 1982 gemeinsam mit den Posaunisten-Brüdern Conrad und Johannes Bauer bis zu dessen Tod 2016 im Quartett „Doppelmoppel“.
2012 wurde das Uwe Kropinski Trio mit der Cellistin Susanne Paul und dem Saxofonisten Vladimir Karparov formiert, das neben Klassik-Einflüssen Musik des Balken, freier Musik, der Gitarren-Tradition von Django Reinhardt über Paco de Lucia bis zu Derek Bailey und Spurenelemente des Blues auf originelle Art verschmilzt.
Seit einiger Zeit setzt Uwe Kropinski auch seine Gesangs-Stimme ein. Der Virtuosität seines Spiels auf der Gitarre wird dadurch etwas Brüchiges, oft wehmütig-Melancholisches hinzugefügt, eine weitere sinnliche Dimension verliehen.
Auch das gesprochene Wort bekam in den letzten Jahren wachsende Bedeutung für Uwe Kropinski. Es bringt Weltsicht ein, setzt auch bei den Zuhörenden - anders als „nur“ Musik es vermag - Denkprozesse und Gedankenaustausch in Gang. Nachzuhören ist das u.a. auf dem Album „Blätter aus dem Garten der Schubartin“, das 2014 mit dem 2019 verstorbenen Magdeburger Theologen und Autor Ludwig Schumann aufgenommen wurde.
2023 erschien das Album „Plädoyer für die Stille“, auf dem Uwe Kropinski neben eignen auch Texte von Rabindranath Tagore, Albert Schweizer, Romain Rolland, Rainer Maria Rilke, Joseph von Eichendorff und Gottfried Benn vorträgt und musikalisch umsetzt.
Wiglaf Droste schrieb am 4. März 1987 in der TAZ-Berlin: „Uwe Kropinski ist kein Gitarrist, der Mann ist eine Gitarre.“
Oben schrieb ich „Uwe Kropinski ist als Gitarrist ein Solitär“. Ich will es präzisieren: Uwe Kropinski ist ein Solitär.
Ulf Drechsel
im November 2025