Foto: Jens Junge
52. Tagung Radio Jazz Research
In Zusammenarbeit mit dem Förderverein Jazz Hansestadt Lübeck e.V.
3. – 5. September 2026 Lübeck
„Perspektive: Jazz-Forschung“
Hotel Park Inn, Willy-Brandt-Allee 1-5 + Diele, Meng-Str. 41-43, 23554 Lübeck
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PROGRAMM
Versuch einer Bestandsaufnahme und ein Blick in die Zukunft unter der Prämisse der New Jazz Studies.
Mit den New Jazz Studies, die sich im Zuge der 1990er Jahre in den USA zu entwickeln begannen, etablierte sich ein neuer Ansatz in der Jazzforschung. Wichtiger Aspekt war ein verändertes, wesentlich erweitertes Verständnis der Jazzgeschichtsschreibung. Zudem entstand ein neues Bewusstsein für eine möglichst vorurteilsfreie Einbeziehung von verschiedenen Disziplinen (Studies), Menschen (Gender, Race, Class) und Regionen (vgl. Jazz-Diaspora). Die New Jazz Studies fanden in der Folge auch in Europa zunehmend Resonanz.
Die 52. Tagung von Radio Jazz Research bietet verschiedene Ansätze zum Verstehen dieser New Jazz Studies und möchte diese Ansätze auf unterschiedliche Weise reflektieren.
Donnerstag, 3. September 2026:
19.30 Uhr Meeting Hotel Park Inn, Willy-Brandt-Allee 1-5
Freitag, 4. September 2026 Hotel Park Inn
9.30 Uhr
Tim Wall (Birmingham):
The BBC Road to British Mainstream Jazz 1945 to 1960
Moderation: Arne Schumacher
This presentation looks at the BBC’s postwar attempts to programme for British jazz fans increasingly divided between those championing the revival of older styles and those pushing ahead with the new. The solutions included different types of jazz on different stations, different programme formats and, ultimately, the development of a ‘mainstream jazz’. The idea of a main current flowing through the history of jazz becomes ubiquitous in transatlantic jazz discourse, but also has important institutional implications for the corporation. In part, the BBC sought to unite jazz fans in order to maximise its audiences for such minority programmes, but they also captured a British movement led by revival jazz trumpeter Humphrey Lyttelton, who became the voice of BBC jazz as the most featured presenter.
This allows us to better understand the new BBC stations, the key staff who developed jazz programmes, and the programme formats and the musicians they featured. Programmes include Kings of Jazz (1945 to 1946), Jazz Club(1947 to 1974), Jazz for Moderns (1950 to 1957), Let’s Settle for Music (1952 to 1958), Jazz Session (1957 to 1964), Chris Barber Bandbox (1958), Music in the Modern Manner (1958 to 1959).
10.30 Uhr
Frédéric Döhl (Hamburg):
Jazz 1959. Kleine und große Geschichten aus einem goldenen Jahr
Moderation: Michael Rüsenberg
Die dümmste Einlassung zum Jazzjahr 1959 stammt von Nicholas Payton: „Jazz ist tot. Er starb 1959 und kommt nie wieder!“. Die intelligenteste, eleganteste bietet Frédéric Döhl mit seinem an Erkenntnissen prallvollen Buch unter dem harmlosen Titel „Jazz 1959. Kleine und große Geschichten aus einem goldenen Jahr“ (300 S., Transcript Verlag, 2024, als PDF-Download kostenlos). Nicht nur debattiert er die Großen Acht von 1959 („Kind of Blue“, „Giant Steps“, „The Shape Of Jazz To Come“, „Time Out“ u.a.), er hat auf Spotify eine Playlist mit 163 Stücken aus 800 Alben jenes Jahres hinterlegt. Döhl führt die unter-theoretisierte deutsche Jazzwelt zugleich ein in die Frage „Was ist ein Genre?“ und in die New Jazz Studies. Frédéric Döhl, 48, ist promovierter und habilitierter Musikwissenschaftler sowie Dr. jur., im Hauptberuf Strategiereferent der Deutschen Nationalbibliothek. Jüngst hat er eine Honorarprofessur am Marburg Center for Digital Culture and Infrastructure (MCDCI) übernommen.
11.30 Uhr
Gaja von Sychowski (Lübeck):
Jazz, Gender & (MusikHoch)Schule –
TextArt als eine neue Jazz-Impro-Praxis
Moderation: Peter Ortmann
An der Lübecker Musikhochschule (MHL) ist Jazz/Rock/Pop in die pädagogischen Studiengänge integriert. Die Studierenden sprechen Jazz/Rock/Pop (oder andere Stilistiken) als ihre Muttersprachen. Philosophie ist nicht ihre Mother Tongue. Sie haben in der Lehrkräftebildung aber auch die Aufgabe, eine Haltung zu Gender, Woke, Democracy & Humanity zu entwickeln. Für die Allgemeine Pädagogin an der MHL ergibt sich in diesem Kontext die Frage: How to do Reflexion with Musical Natives? Wie bringe ich Jazzer_innen dazu, sich mit Erziehungs- und Bildungsphilosophie zu befassen? Der Weg heißt: Doing Philosophy in Musicking (siehe C. Small 1998). Wie geht das? Sie werden es hören.
14.30 Uhr
Ádám Havas (Madrid):
Diasporic Jazz
Moderation: Michael Rüsenberg
„Diasporic Jazz“ oder auch „Jazz Diaspora“ – in diesen oder auch anderen Wortlauten sickert mehr und mehr ein Begriff in die Alltagkommunikation über Jazz. Was ist damit gemeint? US-Jazzmusiker, die sich in Europa niedergelassen haben? Der „schwarze“ Jazz? „Der Jazz wurde nicht ‚erfunden‘ und dann exportiert: Er wurde erfunden, während er sich verbreitete“, so lautet der meistzitierte Satz in einem Band, der die Vielstimmigkeit zum Thema sammelt – und ganz anders auffächert, als der Titel verrät: «The Routledge Companion to Diasporic Jazz Studies“.
Der Satz stammt von Bruce Johnson; er ist ebenso wie Ádám Havas Co-Herausgeber dieser Anthologie. Letzterer schreibt dort z.B. über die Mühelosigkeit, mit der Gypsy/Romani-Musiker in den 50ern in den Bebop konvertierten. Ádám Havas ist Soziologe, geboren in Ungarn, er war Gastwissenschaftler am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, 2025 wechselte er an die soziologische Fakultät der Universität Barcelona.
15.30 Uhr
André Doehring (Graz):
Versuche, die Jazz-Charts im „Jazz Echo“ zu verstehen, oder:
Auf dem Weg zu einer Jazzhistoriographie der jüngeren Vergangenheit
Moderation: Arne Schumacher
Jazzgeschichte, so hat es Scott DeVeaux (1997) formuliert, ist zugleich eine Quelle und ein Prisma der jazzmusikalischen Gegenwart. Je farbenreicher sich diese Gegenwart darstellt, umso mehr sollte die Geschichte des Jazz ihr Zustandekommen erklären können. Daher schaue ich mir mit Studierenden in meiner Jazzgeschichtsvorlesung jeweils zum Start des Semesters die aktuellen Jazz-Alben-Charts an, wie sie in Jazz Echo auf Basis von Daten durch die GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) erhoben worden sind. Jazzcharts wurden in der Jazzgeschichte meist verdeckt, und so sind die Studierenden stets verblüfft darüber, welche Alben sie hier versammelt sehen, welche Alben ihrer Meinung nach fehlen, und sie fragen sich, was diese Zusammenstellung über den aktuellen Status des Jazz aussagen kann. Grundsätzlich scheint (nicht nur) ihnen eine jazzhistorische Idee zu fehlen, die diese äußerst bunte Mischung verständlich macht.
Der Vortrag wird zunächst empirisch das Chartgeschehen der letzten fünf Jahre (2021-2026) dokumentieren und analysieren. Zusammengefasst sehen wir eine – im Jazzfeld durch erwartbare – Dominanz US-amerikanischen Jazz, männlicher Musiker und von Musik auf Major Labels. Bemerkenswert sind aber die Durchdringung der aktuellen Charts mit älteren Jazzalben, mit hybriden Genres sowie ein Einfluss von europäischen Independent Labels.
Im zweiten Teil werde ich für eine jazzhistorische Integration dieser Charts (und ähnlicher weltweit) plädieren. Anstatt diese Charts wie bisher für jazzgeschichtliche Untersuchungen abzutun oder zu ignorieren, sollten wir sie als Testfall für die Entwicklung adäquater jazzhistorischer Narrative der jüngeren Vergangenheit verstehen, die uns die jazzmusikalische Gegenwart in ihrer Vielfarbigkeit verstehen helfen.
16.30 Uhr
Walter van de Leur (Amsterdam):
No Future: Is Jazz Dead?
Moderation: Michael Rüsenberg
Jazz, once a progressive, forward-looking culture with the optimistic promise of growth and innovation, has partly evolved into one drenched in melancholia. Central to that melancholia is the idea that the music’s high point lies somewhere in the past (for some, over sixty years ago, with 1959 as the greatest year in jazz), leaving fans suffering from a golden age syndrome. Historical criteria tend to shape the music’s aesthetics. Fans and critics often judge works against the standards of that hallowed tradition. Consequently, the music’s past and its deceased icons have come to haunt the present. Up-and-coming musicians are typically asked to identify their influences and are wise to pay lavish respect to their long-deceased predecessors. In addition, productions that celebrate jazz’s history (films, biopics, documentaries, commemorations, statues, and plaques) – despite their undoubtedly good intentions – all too often push racist, heteronormative, and sexist agendas.
This paper examines the often-asked question ‘Is jazz dead?’ to show that it is fundamentally political and therefore far from neutral. After all, ideas about jazz’s glorious past, its presumed death, and the ensuing resurrection myths tend to be loaded with ideologies about who owns the music and therefore gets to decide who is relevant and who isn’t.
Sonnabend, 5. September 2026 Diele, Meng-Str. 41-43
9.30 Uhr
Stefan Hentz (Hamburg):
„Miles Davis – Sound eines Lebens“ (Reclam-Verlag 2026)
Der Autor im Gespräch mit Hans-Jürgen Linke
10.30 Uhr
Fabian Bade / Willem Strank (Lübeck):
50 Years At The Opera.
Zum 50sten Jubiläum von „A Night at the Opera“, dem Album von Queen
Moderation: Arne Schumacher
Am 21. November 2025 jährte sich die Veröffentlichung des Albums „A Night at the Opera“ von der englischen Rock-Band Queen zum 50. Mal. Interessanterweise liegen im Vergleich zu anderen berühmten und zentralen Bands des 20. Jahrhunderts (Beatles, Rolling Stones etc.) bisher kaum wissenschaftliche Publikationen zu Queen vor. Die populären sind ausschließlich für den eingefleischten Fan gemacht und lassen den tieferen Einblick in der Regel vermissen. Der Vortrag – und eine spätere Publikation – will die Lücke schließen, indem fundierte Beiträge mit Storytelling- und Interview-Versatzstücken sowie Track-by-Track-Analysen kombiniert werden und so gleichzeitig Fachleute, Sammler und Fans zur Zielgruppe werden können. Dabei geht es auch um die bunte Rezeptionsgeschichte des Albums und seines berühmtesten Tracks „Bohemian Rhapsody“, etwa in dem Queen-Biopic oder in zyklisch wiederkehrenden SocialMedia-Trends.
11.30 Uhr
Podiumsdiskussion: Ausblick der Tagung
mit André Doehring, Ádám Havas, Michael Krzeminski und Walter van de Leur.
Key Note: André Doehring
Moderation: Michael Rüsenberg
Die New Jazz Studies entstanden aus Kritik des Gegenstands ‚Jazz‘, seiner Kanon-Kritik sowie poststrukturalistischer und postkolonialer Institutionen-Kritik. Dies führte zur Erweiterung des Untersuchungsfelds (inkl. für Radio Jazz Research relevanter Untersuchungen zu den Medien des Jazz) sowie zum Prinzip der vorurteilsfreien Einbeziehung vieler beteiligter Disziplinen (Studies), Menschen (Gender, Race, Class) und Regionen (vgl. Jazz Diaspora-Konzept). Führt(e) manches nicht mitunter zu neuen Verwerfungen (etwa die Forderung, alle Jazzinstitute in Black American Music Institutes umzubenennen)? Benötigt es momentan ein Innehalten und Neujustieren in einer äußerst angespannten politischen Lage, in der viele dieser Themen oft kritisch bis abweisend gesehen werden?
Was kann insbesondere Radio Jazz Research von dieser Debatte mitnehmen?
Ende der Tagung: 13.00 Uhr
Wir bedanken uns bei der
Die Tagung wird finanziell ermöglicht durch eine Förderung der Lübecker Possehl-Stiftung – herzlichen Dank!
Die Tagung wird finanziell unterstützt durch den Förderverein Jazz der Hansestadt Lübeck – herzlichen Dank!