Herbert Uhlir (1950 – 2021)

Am 5. Dezember 2021 ist unser Radio Jazz Research-Mitglied Herbert Uhlir in einem Wiener Spital verstorben. Beim ORF (Wien) hat Herbert Uhlir von 2001 -2015 die Jazz-Sendungen des Hörfunks als Redakteur betreut. Die Vielfalt der verschiedenen österreichischen Jazzszenen hat er in diesen Sendungen abgebildet und beworben, besonders die einheimische Festival-Landschaft hervorzuheben war sein stetes Bemühen. In diesem Zeitraum entstanden auch zahlreiche Übertragungen in Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Rundfunk, die in 70 gemeinsamen „Jazznächten“ präsentiert wurden. Durch seine vielen Kontakte hat Herbert Uhlir dem Arbeitskreis Radio Jazz Research zahlreiche Mitglieder geworben und die Tagungen von RJR unterstützt. Wir verlieren einen guten Freund!

© ORF

On December 5, 2021, Radio Jazz Research member Herbert Uhlir died in a Viennese hospital. At ORF (Austrian Radio), Herbert Uhlir was editor for jazz broadcasts on radio 2001-2015. He showed and encouraged the diversity of the various facets of the Austrian jazz scene in these programmes, and it was his constant endeavours to highlight the local festival landscape in particular. During this period, numerous broadcasts were made in cooperation with Westdeutscher Rundfunk, which were presented in 70 joint “Jazz Nights” at weekends. Through his many contacts, Herbert Uhlir has recruited several members for the Radio Jazz Research working group and supported the RJR conferences. We’re losing a good friend!

Publikationen

Es erscheinen drei interessante Publikationen, geschrieben von Autoren und Mitgliedern, die beispielhaft die Themenbreite von Radio Jazz Research demonstrieren:

Jürgen Arndt: Caterina Valente, Wolfgang Lauth, Jazz und Schlager. Facetten der 1950er Jahre und darüber hinaus. Olms-Weidmann, Hildesheim/Zürich 2021, 48.00 €

Georg Bertram/Michael Rüsenberg: Improvisieren! Lob der Ungewissheit. Reclam, Stuttgart 2021, 12.00 €*

Willem Strank: Handbuch Filmgeschichte. Von den Anfängen bis Heute. UTB 39.90 €

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* Die Improvisationsgeschichte behandeln wir in der 42. RJR-Tagung in Siegburg 2022.

Ulrich Kurth, 1953-2021

Michael Rüsenberg (mit freundlicher Genehmigung von jazzcity.de)

Als er im April 1990 Leiter der WDR-Jazzredaktion wurde, zog eine mehr journalistische Perspektive ein.
Die entsprechende Praxis hatte er als Musikredakteur im Kabelpilotprojekt Dortmund und ab 1984 im WDR-Landesstudio Bielefeld gelernt.
Zur Arbeitsplatzbeschreibung gehörte dabei nicht nur Berichterstattung, genreübergreifend, sondern auch Widerspruch gegen den Studioleiter, ein Prachtexemplar der damals noch obwaltenden „Landesfürsten“, die die musikalische Topographie ihrer Region durch deren Chöre vollumfänglich repräsentiert sahen.
Das neue Sujet in Köln war Kurth keineswegs neu. Seine theoretische Legitimation dazu hatte er 1981 an der Universität Kiel hinterlegt, in einer Dissertation unter dem Titel „Aus der Neuen Welt: Untersuchungen zur Rezeption afro-amerikanischer Musik in der Europäischen Kunstmusik des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts“.
Der praktische, ja ausgesprochen manuelle Teil der Legitimation, an den Studienorten Bonn, Berlin, Kiel gereift bis zu einem „semi-professionellen“ Level, ging dem vorauf und kam 1979 zum Abschluß: da folgte auf seinen Posten in der Hamburger Band Stintfunk ein 18jähriger Pianist namens Hans Lüdemann.
Ab 1973 pilgerte er zu einer Veranstaltung, die er dann zwischen 1990 und 1998 backstage als Redakteur begleitet hat: das Moers Festival.
Wie sein Vorgänger (Manfred Niehaus) und seine Nachfolger (Markus Heuger, Bernd Hoffmann, Tinka Koch) hat Ulrich Kurth Clubs, Festivals und zahlreiche Künstler gefördert, manche auch mehr.
Mit seinen 10 Jahren als WDR-Jazzredakteur verbindet sich insbesondere die Karriere des Jazzkomponisten Klaus König, dessen Big Band Projekt „The Song of Songs“ 1993 beim Jazzfest Berlin uraufgeführt, und – those were the days, my friend – zuvor im „Spiegel“ umfassend gewürdigt wurde.

Er hatte Schwerpunkte, ja; aber seine generelle Linie lässt sich am besten mit einem Geri Allen-Titel wiedergeben, „Open on all Sides – in the Middle“.
Oder, in den Worten einer Kondolenz-Mail, die uns aus dem Tal erreicht: „Mit einem stillen Grinsen denke ich daran, wie er von der dogmatischen Stieseligkeit mancher Wuppertaler genervt war. Er gehörte noch zu den Leuten, denen das Sujet ein großes Anliegen war“.
Und dieses Sujet hörte einfach nicht auf, auch in-house als Anliegen verteidigt werden zu müssen. Zum Beispiel 1997 in einem herrlichen Über-die-Bande-Spiel mit der Lokalpresse gegen einen Hörfunkdirektor, dessen Dienstzimmer ihn als Rocker auswies, dem aber für die ältere, weniger populäre Nachbargattung, selbst in den Nachtstunden, das Verständis auszugehen drohte.
Ulrich Kurth war ein umgänglicher, ein beliebter, ein heiterer Mensch, und ich darf sagen: ein höchst angenehmer Chef.
1996 wurde bei ihm „MS“ diagnostiziert. Einschränkungen stellten sich zunächst kaum merklich ein; später betrieb er großen Aufwand, sie zu verbergen – er hing einfach zu sehr an seinem „Sujet“.
Anfang der 2000er Jahre beendete er sein Berufsleben als Teamchef Musik von WDR 3. Später veröffentlichte er eine Monografie über Tony Oxley (Wolke Verlag, 2011).
Die letzten sieben Jahre lebte er in einem Heim. Anfangs gelang ihm noch, im Rollstuhl den Ehrenfeldgürtel zu überqueren, ins Loft, oder zum Singen im Chor.
Dr. Ulrich Kurth, geboren am 28.09.1953 in Kaltenkirchen bei Hamburg, starb am 12. August in Köln-Ehrenfeld, im Kreise seiner Familie, wenige Wochen vor seinem 68. Geburtstag.

https://www.jazzcity.de/index.php/news/2594-ulrich-kurth-1953-2021

Text: Michael Rüsenberg

Manfred Miller, 1943-2021

Michael Rüsenberg (mit freundlicher Genehmigung von jazzcity.de)

Manfred Miller, 1943-2021

Eine solche Spannweite wird es in der deutschen Jazzpublizistik nicht mehr geben. Dass jemand Schlüsselalben des FreeJazz produziert und später wie kein zweiter in den Blues sich vertieft, insbesondere in seine Texte.

Konkret: 1967 dirigiert er einen Ü-Wagen, Personal und Bandmaterial in eine Schulaula, um „For Adolphe Sax“ von Peter Brötzmann aufzunehmen. Mit der damals streng verbotenen Konsequenz, dass der Künstler die Bänder an sich nimmt und in Form einer Langspielplatte auf den nach dieser Musik nicht gerade gierenden Markt bringt.

Das war 1967. Da hatte er gerade ein Studium der Philosophie und Musikwissenschaft in Köln abgebrochen und verdingte sich als Hilfsredakteur der Deutschen Welle. Ein Jahr später, nun bei Radio Bremen als ordentlicher Jazz- & Pop-Redakteur, lässt er erneut Mikrofone auf Peter Brötzmann richten, an einem Maien-Nachmittag in der „Lila Eule“, für das noch legendärere Album „Machine Gun“.

Aus dem Juni 1967 kursieren Schnipsel durchs Internet, von einer sagenhaften Freitagnachmittag-Debatte im Ersten Deutschen Fernsehen (an Werner Höfers Hufeisen-Tisch), wo er den Advokat des Teufels gibt und eloquent die Ästhetik des damals neuen FreeJazz gegen die störrischen Mienen von Felix Schmidt (Der Spiegel) und Siggi Loch verteidigt. Unvergessen eine Überleitung des Moderators Siegfried Schmidt-Joos („Bevor wir Herrn Brötzmann zum Abschuss freigeben“) sowie der Moment, wo Klaus Doldinger kurz den Brötzmann gibt (und wild in den Raum quiekt). Woraufhin er von Miller auf die Plätze verwiesen wird mit der Bemerkung, dass er damit nicht ein Konzert in der neuen Stilistik bestreiten könne.

An einem Mikrofon von Radio Bremen war es auch, wo er 1968 mit einer süffisanten Bemerkung über das Paradepferd der Bundeswehr, den Starfighter, den Status einer Berühmtheit im Warhol´schen Sinne erlangte. Gerade war der 99. Starfighter abgestürzt, da gab Miller im „Pop Shop“ die Empfehlung aus: „Freunde, stellt schon mal den Sekt kalt, der 100. kommt bald!“

Die Leitung des Hauses, man ahnt es, zählte sich nicht zu diesem Freundeskreis.

Sie ließ ihn gleichwohl im Norden nicht verstummen. 1972 wirkte er an der 13teiligen TV-Reihe „Sympathy for the Devil“ mit. 1973 – „mit politisch bedingten Unterbrechungen (zwischen 1975 bis 1984) bis 1986 (wie sein Nachfolger bei Radio Bremen, Peter Schulze anmerkt) folgten 52 Einstunden-Sendungen „Roll over Beethoven – Zur Geschichte der Populären Musik“ für Radio Bremen 2, aber auch NDR und WDR. Aus der Sendereihe ging eine Sammlung hervor, die seit 1991 unter Klaus-Kuhnke-Archiv für Populäre Musik in Bremen ansässig ist.

Millers Schwerpunkt hatte sich da schon weg vom FreeJazz und mehr zur Populären Musik (in einem sehr umfassenden Sinne) verlagert, Und vor allem: zum Blues!

1976 arbeitete er im SWF-Landesstudio Mainz, zunächst als freier Mitarbeiter, von 1981 bis 1999 als regionaler Kulturredakteur.

Bis in die 80er hinein jedenfalls wirkte er auf SWF 2 an der legendären 19:30-Uhr-Strecke mit, und zwar mit „Oldtime“ (!) und „Bluestime“.

Oh ja, der Blues! Verblüffend, auf discogs zu finden, wie viele Alben er kompiliert, für wie viele er liner notes geschrieben hat. Mit dem Blues blieb er bis zuletzt über das von ihm mitbegründete und ihn schwer auszeichnende Bluesfestival in Lahnstein verbunden. Wir dürfen sagen, wir haben vor allem von ihm gelernt, dass der Blues kein Kind von Traurigkeit ist (jedenfalls nicht durchgängig) und dass er nicht ewig über 12 Takte läuft.

Unvergessen, wie er sich in die Lyrik des Blues vertiefte, sie kongenial übersetzte und uns Frischlingen den erotischen Doppelsinn so mancher braver Sprachfloskel entschlüsselte, darunter seine eigene Kategorie des (Sexual)Protzer-Blues.

Die Rentnerjahre verbrachte er wechselweise auf Elba und in Mainz. Zuletzt machte er sich noch an ein publizistisches Großprojekt, dessen erster Teil unter „Um Blues und Groove – Afroamerikanische Musik im 20. Jahrhundert“ 2017 erschien. Man hätte gerne gehört, was er zur heutigen Duckmäuser-Debatte (hier Euro-Zentrismus, dort Afro-Amerikanismus) gesagt hätte.

Es bleibt allemal schade, dass er seine große Begabung nicht über die gesamte Lebenszeit zum Ausdruck hat bringen können. Er hätte in den Olymp der deutschen Jazzpublizistik gepasst, neben Peter Niklas Wilson, Ekkehard Jost, Alfons Dauer, ja auch Michael Naura.

Manfred Miller, geboren am 11. April 1943 in Reichenberg (ehemals Nordböhmen), ist am 4. Juni 2021 in Mainz einer Krebserkrankung erlegen. Er wurde 78 Jahre alt.

5. RJR-Zoom-Konferenz, 07. Mai 2021, 15.00 Uhr

Zoom Meeting 05
Jazz vor Ort in Zeiten der Pandemie Topic: Radio Jazz Research

Eingeladen sind:
André Doehring (KUG), Andreas Felber (ORF), Lena Jeckel (Gütersloh), Arndt Weidler (Jazzinstitut Darmstadt), Guido Spannocchi (GB), Sebastian Scotney (London Jazz News).

Die Pandemie fördert die Live-Präsentation und Darstellung der lokalen Jazzszenen im Internet, da Gäste aus anderen Ländern nicht einreisen dürfen. Entstehen  in der Corona-Not also Formen der Unterstützung und Aufmerksamkeit im lokalen und regionalen Bereich? Und wie unterscheiden sich diese Formen von Festivals, die nur die einheimische Szene vorstellen.

4. RJR-Zoom-Konferenz, 09. April 2021, 15.00 Uhr

Zoom Meeting 04
Streaming und Podcast.

09.04.2021 – ab 14.50 Uhr
Im letzten Jahr wurde das Internet (sowohl als Audio über Podcasts als auch als Video mit Livestreams) immer beliebter. Anfangs von Musikern selbst, jetzt aber mehr und mehr von Festivals und Veranstaltungsorten. Wie wird sich dies auf das Verhalten von Clubs und Festivals auswirken in Bezug auf die Programmierung? Was ist mit dem Publikum und wie wird sich das auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auswirken?

Marcus Bartelt (Musiker) Urs Röllin (Festivalmacher & Musiker), Sebastian Scotney (London Jazz News), Michael Rüsenberg (Jazz City & Stadtgarten Podcast), Guido Spannocchi (Musiker), Oliver Weindling (Vortex).

Ab circa 16.00 Uhr
Neu im RJR Zoom-Meeting:
Informationen von Mitgliedern für Mitglieder.


3. RJR-Zoom-Konferenz, 12. März 2021, 15.00 Uhr

Zoom-Meeting 03
Die Pandemie verändert stark die Situation der Clubs für improvisierte Musik: Improvisationen finden vor leeren Stühlen statt, das Publikum schaut Liveübertragungen im Homeoffice. Der Club als Übekeller!

Aus ihrem Alltag berichten:
Konnie Vossebein, Waldo Riedl, Paul Zauner, Emilian Tantana, Jan Korinek

Ab circa 16.00 Uhr
Neu im RJR Zoom-Meeting:
Informationen von Mitgliedern für Mitglieder


Das 4. Zoom-Meeting von RJR findet am 9. April statt.
Das Thema: Streaming und Podcast.