Vorschau auf die 44. RJR-Tagung in Münster, Januar 2023

Münster, 5. und 6. Januar 2023
Ort: 48161 Münster, Hotel wird noch bekannt gegeben

44. RADIO JAZZ RESEARCH-Tagung 
Programm: Bernd Hoffmann

„Wildcard“

Themen von Radio Jazz Research-Mitgliedern 

Michael Krzeminski:

Innovation im Jazz 
Der Beitrag technischer Innovationen zum gesellschaftlichen Wandel gilt – u.a. durch kommunikationssoziologische Untersuchungen – als verhältnismäßig gut ausgeleuchtet. Wie verhält es sich jedoch mit Innovationen im Jazz? Welchen Rang hat hier Neues im Verhältnis zum Traditionellen, ergeben sich markante Innovationspfade oder gar Innovationssprünge aufgrund der Wechselwirkung mit anderen Gesellschaftsbereichen und welche Rolle spielt der geniale Erfinder? Sind Entstehung und Entwicklung des Jazz womöglich insgesamt kultureller Ausdruck neuzeitlicher Fortschrittssehnsucht? Im Vortrag wird versucht, Erkenntnisse der allgemeinen Innovationsforschung möglichst anschlussfähig für eine jazzkundliche Debatte aufzubereiten.

Michael Rüsenberg:

Wem gehört der Jazz?
Oder, warum deutsche Jazzhochschulen nicht in «Black American Music Institutes» umgetauft werden sollten

Gerhard Putschögl:

Reinterpretation/Covering unter der Perspektive der „kulturellen Aneignung“
Erfolgreiche Kompositionen und markante Stilkomponenten boten in sämtlichen musikalischen Genres von jeher Anlaß zur Nachahmung, Verarbeitung und Umdeutung. Anhand ausgewählter Beispiele werden hier unterschiedliche Aspekte der Adaption, der Reinterpretation, des Coverns beleuchtet: neben der Betrachtung von Details der musikalischen Verarbeitung und den z.T. bemerkenswerten soziokulturellen Auswirkungen dieser Vorgänge gilt es auch den Blick auf den Aspekt „kulturelle Aneignung“ (Distelhorst 2021) zu werfen.

Konstantin Jahn:

Henry Pleasants oder die Jazz-Hipster der CIA 
Henry Pleasants (1910-2000), amerikanischer Musikwissenschaftler und Jazz-Aficcionado, leitete  zwischen 1956-1964 das CIA-Büro in Bonn. Er war maßgeblich an der Gründung des Bundesnachrichtendienstes beteiligt. Für Pleasants und andere Kader der CIA war Jazz ihre ›secret sonic weapon‹  im Kalten Krieg. Die Ivy League-Zöglinge der CIA  förderten weltweit – und speziell in der BRD – Jazz und abstrakten Expressionismus im antikommunistischen Kulturkampf. Nicht selten, verbarg sich hinter dem progressiven Kulturverständnis, reaktionäre Machtpolitik.

Rüdiger Ritter:

Ein zweischneidiges Schwert:
Wie West und Ost im Kalten Krieg den Jazz als Propagandawaffe nutzten

Seit den Forschungen Penny van Eschens und anderen ist bekannt, dass Jazz  von der US-Administration gezielt als Mittel zur psychologischen Kriegsführung im Kalten Krieg eingesetzt wurde. Weit weniger bekannt ist, dass auch die Sowjetunion und die Ostblockstaaten das traten, und zwar mit erstaunlicher Kreativität. Dr. Rüdiger Ritter zeigt in seinem Vortrag, wie die Kulturpolitiker auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs ihr Gegenüber genau beobachteten und dann gezielt Einfluss auf den Jazz und das Jazzleben nahmen. Dabei verwendet er Archivmaterial aus amerikanischen, russischen, polnischen und deutschen Archiven.

Iwan Wopereis:

Music experts› knowledge on improvisational expertise: The RJR case
Improvisational expertise in jazz entails a dynamic mixture of musical knowledge, skills, and attitudes that is needed to improvise consistently and superiorly on a set of representative improvisational tasks. This study presents a group concept mapping (GCM) study that identifies critical constituents of improvisational expertise. Data collection in GCM consists of the generation, sorting, and rating of features. Data analysis includes multidimensional scaling (MDS), hierarchical cluster analysis (HCA), and semantic analyses. Musical experts (i.e., critics, musicians, researchers) of the German Radio Jazz Research (RJR) association took part in study. The participants generated 81 features of improvisational expertise. MDS, HCA and a semantic analysis resulted in a 7-cluster concept map. Skills, knowledge and attitudes related to individuality (uniqueness) were central to the map. The most highly valued (and teachable) features of expertise had to do with musical interaction (communication). The experts further acknowledged the value of musical exploration and (continuous) development of expertise. The map is a useful impetus for the (re)development of curricula in music education.

Christian Rentsch:

Die Misere der Jazzkritik
Der Vortrag soll einerseits zur kritischen Reflexion der eigenen Arbeit beitragen und  andererseits für Anregungen sorgen könnte, um die Bedeutung, die Relevanz und Aktualität der Fachpresse zu verbessern.

Änderungen vorbehalten

Website: www.jazzfestival-muenster.de

Programm: https://jazzfestival.multimediadesign.net/programm/index.php

43. RJR-Tagung in Lübeck – Ein Resümee von Stefan Hentz

43. RJR-Tagung: Identitäten im Jazz

In Zusammenarbeit mit dem „Jazzpool Lübeck e.V.“ im Rahmen des Travejazz-Festivals.

Ein Resümee von Stefan Hentz

Nach „Identitäten“, Plural, fragte die 43. Arbeitstagung von Radio Jazz Research am 9. und 10. September in Lübeck, und schon in der Pluralbildung bildete sich die Fragilität statischer Konzepte von Identität ab. Wer auf den Begriff Identität zurückgreifen will, so scheint es, sollte eine Vielfalt von Identitäten oder Zuschreibungen voraussetzen, deren Nebeneinander erst die eine, von allen anderen unterscheidbare Identität eines Individuums beschreibt.

Mit seinen Überlegungen über Identitäten im Jazz, legte Michael Rüsenberg zur Einführung in die Tagung schon einmal eine funkensprühende Lunte an Konzepte, die mit dem Begriff der Identität versuchen, ästhetische Praktiken und Strategien im Jazz zu begründen. Im Anschluss an den Philosophen Wolfgang Welsch, der Identität trocken als die „singuläre Beziehung eines Gegenstandes zu sich selbst“ beschreibt, als ein „Amalgam aus Wahrheit und Dichtung, aus Realität und Wünschen“ und damit als eine „von Grund auf soziale Angelegenheit“, die man nicht aus sich selbst heraus entwickeln kann. „Wo immer man genauer nachforscht“, zeigt sich nach Welsch, „dass das, was angeblich rein national ist, in Wahrheit auf einem Mix internationaler und transnationaler Komponenten beruht“. Transkulturalität ist demnach „die Regel und die Realität“.

Dennoch, so zeigte sich im weiteren Verlauf der RJR-Tagung, lassen sich Aspekte der Beschreibung von Identität, lassen sich Gender, Ethnizität, Bildung, sozialer Status, und viele weitere, für die Beschreibung von realen Verhältnissen in dem sozialen Feld des Jazz mit Recht verwenden. Aus der Sicht eines Lehrenden, zu dessen Ethos es gehört, zu versuchen, allen seinen Studierenden gerecht zu werden, zäumte Andre Doehring, Leiter des Instituts für Jazzforschung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz seinen Vortrag „’They say I’m different’: Identitäten im und für den Jazz erkennen, verstehen und fördern“, am Beispiel einer Studentin auf, die zwar eine sehr talentierte, ausdrucksstarke und ideenreiche Sängerin sei, aber von den verschiedenen Regelsystemen, die die Akzeptanz vor allem im Bereich Jazz regeln, von entsprechenden stilistischen Vorschriften und Verhaltenscodes immer wieder abgeschreckt wurde und sich stilistisch mittlerweile auf ihren Ausgangspunkt zurückbesonnen hat: auf den scheinbar so machohaften Hardrock. Das didaktische Ideal der Horizonterweiterung konnte so offenbar nicht realisiert werden.

In eine ähnliche Kerbe schlug auch die Ethnomusikologin und Musikwissenschaftlerin Christiane Gerischer, die bis vor kurzem in Potsdam als Präsidentin die Fachhochschule Clara Hoffbauer leitete, die in ihren Ausführungen über weibliche Drummer im Jazz, mit der verbreiteten Wahrnehmung aufräumte, dass sich deren Lage schon wesentlich verbessert habe. Im Gegenteil: rein zahlenmäßig waren Frauen in den 1940er-Jahren, als viele der männlichen Kollegen in den Kriegsdienst eingezogen waren, besser vertreten als heute. Doch noch heute werden Schlagzeugerinnen (und für andere Instrumentalistinnen gilt dies analog) häufig so inszeniert, dass sie primär als Frau, Blickfang und Sexualobjekt und erst in zweiter Linie als die kompetenten Musikerinnen wahrgenommen werden, die sie sind. Konkret belegte Gerischer mit Ausschnitten aus Interviews mit Schlagzeugerinnen und Perkussionistinnen der aktuellen Szene (Mareike Wiening, Sasha Berliner, Kalia Vandever), dass weder die Zeiten der Diskriminierung auf Grund des Geschlechts vergangen sind, noch jene des plumpen Anbaggerns. Und dass Frauen, um für das was sie tun, anerkannt zu werden, darin noch immer wesentlich besser sein müssen als ihre männlichen Kollegen, Mitbewerber, Konkurrenten. Wovon die interviewten jungen Schlagzeugerinnen aber auch berichten, das sind Agenten der Selbstheilung in der Szene, bereits etablierte Musiker und Musikerinnen mit fest geknüpften Netzwerken, die jüngeren Kolleginnen, von deren musikalischer Qualität sie überzeugt sind, als Mentoren mit Rat und Tat (und Weiterempfehlungen) unterstützend zur Seite stehen.

Mit sehr persönlich angelegten Beiträgen verschoben zwei aktive Musiker den Fokus der Tagung ein großes Stück weiter in Richtung Konkretion. Im Gespräch mit Arne Schumacher berichtete die Saxofonistin Holly Schlott, die man bis 2018 als Volker Schlott beispielsweise aus dem Saxofonquartett Fun Horns kannte, von der Prozesshaftigkeit ihrer Geschlechtsangleichung, die sie nicht als einen Sprung zwischen zwei binären Zuständen, männlich/weiblich, versteht, sondern als eine Ausweitung ihres Rollenrepertoires, die sie heute mit großer Emphase als durchaus lustvoll und bereichernd beschreibt. Obwohl die Geschlechtsangleichung ohne Zweifel eine starke Veränderung der empfundenen Identität bewirkt, ist sie für Schlott nicht mit einer Abspaltung ihrer vorherigen Lebensgeschichte als Mann verbunden, entsprechend gelassen reagiert sie, wenn sie als „Volker“ angesprochen wird oder verwendet auf aktuellen CD-Veröffentlichungen beide Vornamen. Allerdings verschweigt die Saxofonistin keineswegs, dass sie sehr lange gezögert habe, bis sie erst an der Schwelle zur Beendigung ihres sechsten Lebensjahrzehnts ihr öffentliches Geschlecht an das schon sehr lange empfundene angeglichen habe. Und dass sie sich sehr gewundert habe, dass es in der Jazzszene, sehr wenig Reaktionen auf ihre Geschlechtsangleichung gegeben habe, weder negative noch positive, was sie selbst mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen habe. 

Fernab von den binären Schattenspielen um gender, race, class, etc, die so häufig die Debatten um Identitäten prägen, demonstrierte der Pianist Sebastian Sternal auf der instrumentaltechnischen Mikroebene, wie man als Musiker aus dem Studium seiner Vorbilder ein Vokabular von melodisch, harmonisch, rhythmischen Kurzformeln für den Zweck der Improvisation entwickeln kann, das sich einerseits direkt aus dem Strom der Jazztradition (oder potentiell auch jeder beliebigen anderen Tradition) speist, und andererseits durch die persönlichen Vorlieben gefiltert und damit höchst individuell ist. Den grundlegenden Stimmerwerb im Sinne des Erwerbs einer eigenen, unverwechselbaren (Instrumental-)Stimme als Musiker verlegt er damit in den Bereich einer sozusagen bewusst gesteuerten Entwicklung von kleinen und kleinsten musikalischen Sinnpartikeln, die man eher als Silben oder Phoneme verstehen könnte, denn als Worte, Sätze, Absätze.

So sehr im Verlauf der 43. RJR-Tagung deutlich wurde, dass vor allem das Identitätsmerkmal Gender im deutschen Jazz des Jahres 2022 noch immer von großer Bedeutung für die Zugangsregelungen ist, (andere Identitätsmerkmale wie Hautfarbe, Religion, Bildungsgrad, soziale Herkunft, etc. wurden – wenn überhaupt – nur en passant thematisiert), so deutlich wurde auch, dass mit der Thematisierung von identitätsbezogenen Diskriminierungen allein, kaum wesentliche Fortschritte in Sachen Chancengerechtigkeit und Niedrigschwelligkeit zu erzielen sind. Zwar könnten Quotenlösungen möglicherweise ein anderes, diverseres und damit auch inklusiveres Binnenklima in der Jazzszene befördern, doch um wirklich näher an den Idealzustand einer Farbenblindheit in Sachen Identitätsmerkmalen heranzurücken, wäre es notwendig, auf der Ebene des konkreten Handelns Vorgehensweisen wie beispielsweise Blind Auditions bei Besetzungsfragen zu entwickeln, die Vorurteile weitgehend ausschließen. Mit der enormen Spannung zwischen der philosophischen Ebene der Begriffsklärung, in der die Sinnhaftigkeit der Auseinandersetzung über Fragen der Identitäten selbst bisweilen ins Schwimmen geraten kann und der von Sternal vorgestellten praktischen Ebene, auf der die Selbstkonstruktion von Identitäten jede Transzendenz abstreift und sich als eine sehr kleinteilige Arbeit an den Details des eigenen musikalischen Vokabulars erweist.

Rezension von Schmidt-Joos «Jazz Echos aus den Sixties»

Mit freundlicher Genehmigung von jazzcity.de

Siegfried Schmidt-Joos (Hg)
Jazz-Echos aus den Sixties
Kritische Skizzen aus einem hoffnungsvollen Jahrzehnt
Kamprad Verlag, 2022
228 S., 19.60 €

Am 22. Mai 1959 spielt der Saxophonist Ornette Coleman sein Album „The Shape of Jazz to come“ ein, darunter das Stück „Congeniality“; in seinem berühmten Quartett befindet sich u.a. der Trompeter Don Cherry.
Sechs Jahre später beurteilt der Jazzkritiker Werner Burkhardt (1928-2008) in einem Porträt über Don Cherry dessen Performance in diesem Stück so:
„Was jedoch gewinnt Don Cherry, wenn er darauf verzichtet, ordentlich Trompete zu spielen? Bei den ersten Aufnahmen, die er mit Ornette Coleman eingespielt hat, gewinnt er nichts. Da wohnen wir öffentlichem Üben bei, hören unsaubere Etüden, die ins Kämmerlein, aber nicht auf die Schallplatte gehören, und müssen unbewältigte Einflüsse konstatieren. In ´Congeniality´ auf der Atlantic-LP ´The Shape of Jazz To Come´ werden wir an Dizzy Gillespie erinnert, und das ist bei einem so ungelenkigen Trompeter wie Don Cherry ja ein peinlicher Griff nach den Sternen“.
Ein solcher Ton muss Nachgeborene und und auch Zeitgenossen heute überraschen, Ikonen wie Don Cherry werden heute durchweg pfleglicher und nachsichtiger behandelt.
Trotz dieser scharfen Kritik tritt Burkhardt Don Cherry aber nicht – wie man heute sagt – „in die Tonne“; er ringt mit seinem Urteil, er entdeckt durchaus Momente, wo der Trompeter zu sich selbst findet, zum Beispiel auf Sonny Rollins´ „Our Man in Jazz“, 1963 („Hier steht Don Cherry seinen Mann.“)
Wiederum Jahre später, bei einer Jam Session in Schwabing, („ich saß an meinem Tisch und versuchte gerecht zu sein“), trat Cherry an diesen heran und sagte: ´In fünfzig Jahren gehört das, was ich jetzt spiele, zur Tradition´. Also sprach Don Cherry, und auf diesen Ausspruch haben meine Freunde in Hamburg sehr trocken reagiert. Sie meinten: ´Na, der soll sich freuen, wenn in fünfzig Jahren überhaupt noch jemand seinen Namen kennt´.
Heute wissen wir: Don Cherry hat seine Münchner Prophezeiung so halbwegs überlebt, die anonymen Hamburger Freunde Burkhardts die ihre nicht.
Weitaus mehr als die Schärfe des Urteils und, ja auch, die Eleganz der Sprache, in der sie hervortritt, überrascht, nein verblüfft ihr Ort.
Werner Burkhardt äußert sich im Januar 1965 nicht dort, wo man ihn vermutet hätte: im Feuilleton oder im Radio – er äußert sich im „Jazz Echo“. Und das lag damals gar nicht offen zu Tage. Das musste man erst mal finden.
Das „Jazz Echo“ war quasi versteckt als 8-seitiger, monatlicher Einhefter im Magazin „Gondel“.
Das kannten wir Jugendliche selbstverständlich, von verschämten Blicken am Bahnhofskiosk. Man hätte es uns gar nicht verkauft, weil es schon mit dem Titelbild an uns Minderjährigen vorbei adressiert war: junge Frauen in Pose, im Badeanzug, später im Bikini.
Seit 1948 schaukelte das „Jazz Echo“ versteckt in der „Gondel“.
(Ein analoger Fall waren Ende der 60er die „Sankt Pauli Nachrichten“; erotisch zwar weitaus dreister. Aber – zuverlässig in der Information über alles, was damals über John Mayall, Peter Green oder Alexis Korner zu berichten war.)
Erster „Jazz Echo“-Redakteur war ein gewisser Joe Brown, das kaum verhüllte Pseudonym des ersten Radio-Jazzredakteurs in Deutschland: Joachim Ernst Berendt!
(Kleine Utopie am Rande: wäre heute ein ARD-JazzredakteurIn in seinem Job überlebensfähig, der auch nur ein kleine Jazz-Kolumne sagen wir im „Playboy“ betriebe?)
1959 übergibt Berendt alias Brown die Verantwortung an Siegfried Schmidt-Joos, sehr viel später einer seiner zahlreichen Gegner.
Schmidt-Joos, 86, war damals Jazzredakteur bei Radio Bremen, später (nicht nur für Jazz) beim Spiegel, beim RIAS und beim Sender Freies Berlin.
Gegenwärtig beschäftigt sich der „elder statesman der deutschen Jazzpublizistik“ (was, entgegen seiner Annahme, keinerlei ironischen Unterton besitzt) mit der Evaluierung seines umfangreichen Archivs.
Gegenüber „Es muss nicht immer FreeJazz sein“ (2021)
https://www.jazzcity.de/index.php/buecher/2552-siegfried-schmidt-joos-es-muss-nicht-immer-free-jazz-sein
bringt er mit seinem neuen Archivgang die, alles in allem, sicher gewichtigeren Funde ans Licht.
Dabei hält er sich nicht weiter auf mit der Komik, vielleicht auch Tragik des Publikationsortes, ein Jazzmagazin eingeschlagen in eine, nun ja, Sex-Postille (hier hätte er in einem luftigen Feuilleton bis an die Bordellnähe des frühen Jazz zurückschreiten können). Er hat eine Botschaft, es geht ihm darum, „sich an Auseinandersetzungen, wie wir sie damals führten, in einer Zeit noch einmal zu erinnern, die bezüglich des Jazz um sehr viel spannungsärmer und einschläfernder geworden ist. Ich gestehe mir übrigens zu, die Sixties nächst den Forties für das spannendste Jahrzehnt der Jazzgeschichte zu halten“.
Ob man dieser Perspektive nun zustimmt oder nicht, Schmidt-Joos´ Selektion reicht allemal für einige staunenswerte Beiträge, vermutlich ein „Best of Jazz Echo“ aus den sechzigern.
Bis auf den Herausgeber sind alle Autoren verstorben: Joachim Ernst Berendt (1922-2000), Ingolf Wachler (1911-1988), Werner Burkhardt, Manfred Miller (1943-2021), sowie die beiden Amerikaner Nat Hentoff (1925-2017) und Mike Zwerin (1925-2015).
Unabhängig davon, ob sie mit ihren Urteilen „richtig“ lagen, waren bzw. sind sie mehr oder weniger Stilisten. Ja, ihre Sprache ist zeittypisch: die Leser werden gesiezt, die Autoren schreiben auch über Frauen, vulgo: Sängerinnen; die Vorstellung, sich etwas anderem als des generischen Maskulinum zu bedienen, hätten sie mit der Formvollendetheit abgewiesen, in der sie Damen in den Mantel halfen.
Ja, sie schrieben eleganter, höflicher – und kritischer. Und eben das mag Zeigenossen wie Nachgeborene vielleicht doch am meisten überraschen. Zum Beispiel der sanfte Werner Burkhardt, dass er so mit Don Cherry umspringt. Oder Mike Zwerin, der ohne großes Aufhebens einen zentralen Glaubenssatz des Jazz („Wer derart zauberhafte Musik spielt, muss auch als Mensch so sein – davon bin ich überzeugt“) anhand von Miles Davis´ „Bissigkeit“ widerlegt.
Oder Manfred Miller, um des Urteils Schärfe selten verlegen. Im Jazz-Echo 8/1966 macht er den jungen Wolfgang Dauner einen Kopf kürzer („In diesem Sinne ist – gestatten Sie die soziologische Terminologie – der Jazz des Wolfgang-Dauner-Trios Ideologie, falsches Bewusstsein von der Wirklichkeit, das deren mögliche Veränderung gerade verhindert“.)
Yes, Folks, those were the days. Das ist nun wirklich ein Sound der Sixties; in bestimmten Kreisen hielt man ihn für soziologisch, obwohl er doch nur vulgär-marxistisch war.
Dass Miller derart mit Dauner umspringt (insbesondere dessen Album „Dream Talk/Trio 64“) muss im hier präsentierten Panorama des „Jazz Echo“ überraschen (es reicht von John Lee Hooker und Frank Sinatra bis Bill Evans und Eric Dolphy).
In Heft 9/1966 betätigt er sich nämlich (ähnlich wie in der legendären ARD-Sendung im Mai 1967) als eloquenter Advokat des im Kontext der Hefte ja stilistisch nicht so weit entfernten Peter Brötzmann.
Dass Miller vergisst zu erwähnen, im Juni 1967 an der Produktion von Brötzmanns „For Adolphe Sax“ beteiligt gewesen zu sein (und sie in Berendt´scher Manier im „Jazz Echo“ 10/1967 bespricht), mag als lässliche Sünde erscheinen gegenüber dem Lesevergnügen, das sich auch heute noch einstellt.
Wenn er en detail die Ablösung von überkommenen Strukturen beschreibt und seinem Motto folgt: „das einzig mögliche Kriterium zur Beurteilung einer neuen Musik (ist) ihre innere Stimmigkeit“.
Die sieht er bei Brötzmann als gegeben. Und man muss höllisch aufpassen, nicht auch die problematischen Annahmen mitzuverdauen, die sich darin verstecken. Sie zeigen sich in Sätzen wie diesem:
„Erst wenn der persönliche Ausdruck Form gewinnt, Objektivität also und Verständlichkeit, ist die Musik über den bloßen gutgemeinten, aber misslungenen Versuch hinaus“.
Objektivität und Verständlichkeit mit der Form der Musik gleichzusetzen – heikel.
Oder dieser hier, bis heute einer der zentralen Glaubenssätze des Jazz:
„Die Musiker sind identisch mit dem, was sie spielen. In einer musikalisch
hochdifferenzierten Sprache teilt sich Persönliches mit“.
Was erfahre ich „Persönliches“ über den Menschen Brötzmann in seiner Musik?
Sind John Lee Hooker oder Charlie Parker weniger identisch mit dem, was sie jeweils spielen?
Dieser Satz hingegen erweist sich 56 Jahre später eindeutig als falsch. Er bringt den Untertitel des Bandes („Kritische Skizzen aus einem hoffnungs-vollen Jahrzehnt“) in idealtypischer Weise zum Klingen:
„Die Avantgardisten des Peter Brötzmann Trios spielen heute, was für viele erst morgen schön sein wird“.
Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Man wird zudem gute Gründe finden für die Annahme, dass sie sich nie erfüllen wird – zumal sie die Frage miteinschließt, ob denn „gute“ Musik“ auch „schön“ sein müsse.
(Eine Überlegung, der Karl Rosenkranz schon 1853 seine „Ästhetik des Hässlichen“ entgegenstellte).
Es macht Spaß, ja es ist intellektuell ertragreich, in das Schreiben über Jazz vor 60 Jahren einzutauchen. Um den Jazz von damals – und auch den von heute – besser zu verstehen.

PS: Auf Seite 90 hat Schmidt-Joos oder sein Verleger ein- nein kein deep fake, sondern ein shallow fake hingemogelt: das vorgebliche Titelbild von Jazz-Echo 8/1966 kann unmöglich authentisch sein. Es zeigt einen schon recht fülligen Wolfgang Dauner sowie im Hintergrund Volker Kriegel. Beide mithin zu einem Zeitpunkt, da das Jazz-Echo schon etliche Jahre verklungen war.

Jazzpool Lübeck e.V.
Presseinformation


Jazz steht für Vielfalt und Akzeptanz
Erfolgreiche Tagung zusammen mit dem Radio Jazz Research e.V.

© Maximilian Busch


Die 43. Tagung des Radio Jazz Research ist zu Ende. Auf Einladung des Jazzpool Lübeck e.V. kamen
am vergangenen Wochenende vom 8. bis 10. September 30 Fachleute des Jazz in Lübeck zusammen, referierten und diskutierten umfassend zum Thema „Identitäten im Jazz“.

Die Teilnehmenden aus Musikwissenschaft, Journalismus, Musikliteratur, Medienredaktionen,
Spielstäten, von Festivals und ebenso Musikerinnen und Musiker erörterten im „Beichthaus“ des Europäischen Hansemuseums Fragestellungen zur Transkulturalität, zum Selbstverständnis von
Musikschaffenden im Jazz, zu spezifischen Gender-Aspekten, zur förderpolitischen Anerkennung des Jazz und natürlich zum Frauenanteil im Jazz und in der improvisierenden Musik.


In allen Beiträgen kam zum Ausdruck, dass Jazz und improvisierte Musik immer schon und weiterhin musikalische und ebenso außermusikalische Inspirationen von innen wie von außen geradezu benötigen, um sich, ganz im Sinne dieser Musik, stets weiterentwickeln zu können und damit für Musikschaffende wie auch für das Publikum spannend und interessant, aber auch überraschend zu bleiben. Jazz ist in seinem Ursprung eine global-offene Musik – und wird es aufgrund seiner Vielfalt und Akzeptanz auch bleiben.


Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus insgesamt fünf Ländern hatten abseits des Tagungsprogramms Gelegenheit zum Besuch des Europäische Hanse Museums und des Travejazz Festivals. Auch die Lübecker Musikschule stand für einen musikalischen Vortrag zur Verfügung.


Bernd Hoffmann, Vorsitzender des Radio Jazz Research, und Peter Ortmann vom Jazzpool Lübeck zogen eine positive Bilanz der Gespräche: „Nach Meinung unserer Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer war diese Tagung von einem hohen Niveau der Vorträge und anschließenden Aussprachen angesichts eines zeitaktuellen wie auch komplexen Themas geprägt. Dazu trug nicht zuletzt die inspirierende Umgebung der alten Hansestadt Lübeck bei.“


Unterstützung fand die Tagung beim Kulturbüro der Hansestadt. Die stellvertretende Stadtpräsidentin Silke Mählenhoff hatte die Tagungsgesellschaft zu Beginn der Tagung in der Hansestadt begrüßt.


Für weitere Informationen und Impressum:
Jazzpool Lübeck e.V., c/o Dr. Peter Ortmann, Hüxtertorallee 45, 23564 Lübeck, Tel. 0151 61 223 660, E-Mail ortmann@jazzpool-luebeck.de, www.jazzpool-luebeck.de

Vorschau:  Drei RJR-Tagungen bieten wir in 2023 an:

Tagungen 44.- 46. Radio Jazz Research-Themen in Münster, Gütersloh und Mannheim.

44. RJR-Thema: „Wildcard“
RJR-Mitglieder stellen ihre Themen vor.
In Zusammenarbeit mit dem Internationalen Jazzfestival Münster: 5.-6. Januar 2023

45. RJR-Thema: „Regionalitäten und Jazz“
Kulturpolitische Überlegungen zur Präsentation improvisierter Musik.
In Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Kultur, Gütersloh 1.-2. Juni 2023

46. RJR-Thema: Medien. Macht. Musik.
Jazz Klischees in der Diskussion.
In Zusammenarbeit mit der Musikhochschule, Mannheim: 19.-20. Oktober 2023

43. RJR Arbeitstagung in Lübeck | 08. – 10. September 2022

© Maximilian Busch

43. RJR-Tagung: Identitäten im Jazz

In Zusammenarbeit mit dem „Jazzpool Lübeck e.V.“ im Rahmen des Travejazz-Festivals.

Ein Resümee von Stefan Hentz

Nach „Identitäten“, Plural, fragte die 43. Arbeitstagung von Radio Jazz Research am 9. und 10. September in Lübeck, und schon in der Pluralbildung bildete sich die Fragilität statischer Konzepte von Identität ab. Wer auf den Begriff Identität zurückgreifen will, so scheint es, sollte eine Vielfalt von Identitäten oder Zuschreibungen voraussetzen, deren Nebeneinander erst die eine, von allen anderen unterscheidbare Identität eines Individuums beschreibt.

Mit seinen Überlegungen über Identitäten im Jazz, legte Michael Rüsenberg zur Einführung in die Tagung schon einmal eine funkensprühende Lunte an Konzepte, die mit dem Begriff der Identität versuchen, ästhetische Praktiken und Strategien im Jazz zu begründen. Im Anschluss an den Philosophen Wolfgang Welsch, der Identität trocken als die „singuläre Beziehung eines Gegenstandes zu sich selbst“ beschreibt, als ein „Amalgam aus Wahrheit und Dichtung, aus Realität und Wünschen“ und damit als eine „von Grund auf soziale Angelegenheit“, die man nicht aus sich selbst heraus entwickeln kann. „Wo immer man genauer nachforscht“, zeigt sich nach Welsch, „dass das, was angeblich rein national ist, in Wahrheit auf einem Mix internationaler und transnationaler Komponenten beruht“. Transkulturalität ist demnach „die Regel und die Realität“.

Dennoch, so zeigte sich im weiteren Verlauf der RJR-Tagung, lassen sich Aspekte der Beschreibung von Identität, lassen sich Gender, Ethnizität, Bildung, sozialer Status, und viele weitere, für die Beschreibung von realen Verhältnissen in dem sozialen Feld des Jazz mit Recht verwenden. Aus der Sicht eines Lehrenden, zu dessen Ethos es gehört, zu versuchen, allen seinen Studierenden gerecht zu werden, zäumte Andre Doehring, Leiter des Instituts für Jazzforschung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz seinen Vortrag „’They say I’m different’: Identitäten im und für den Jazz erkennen, verstehen und fördern“, am Beispiel einer Studentin auf, die zwar eine sehr talentierte, ausdrucksstarke und ideenreiche Sängerin sei, aber von den verschiedenen Regelsystemen, die die Akzeptanz vor allem im Bereich Jazz regeln, von entsprechenden stilistischen Vorschriften und Verhaltenscodes immer wieder abgeschreckt wurde und sich stilistisch mittlerweile auf ihren Ausgangspunkt zurückbesonnen hat: auf den scheinbar so machohaften Hardrock. Das didaktische Ideal der Horizonterweiterung konnte so offenbar nicht realisiert werden.

In eine ähnliche Kerbe schlug auch die Ethnomusikologin und Musikwissenschaftlerin Christiane Gerischer, die bis vor kurzem in Potsdam als Präsidentin die Fachhochschule Clara Hoffbauer leitete, die in ihren Ausführungen über weibliche Drummer im Jazz, mit der verbreiteten Wahrnehmung aufräumte, dass sich deren Lage schon wesentlich verbessert habe. Im Gegenteil: rein zahlenmäßig waren Frauen in den 1940er-Jahren, als viele der männlichen Kollegen in den Kriegsdienst eingezogen waren, besser vertreten als heute. Doch noch heute werden Schlagzeugerinnen (und für andere Instrumentalistinnen gilt dies analog) häufig so inszeniert, dass sie primär als Frau, Blickfang und Sexualobjekt und erst in zweiter Linie als die kompetenten Musikerinnen wahrgenommen werden, die sie sind. Konkret belegte Gerischer mit Ausschnitten aus Interviews mit Schlagzeugerinnen und Perkussionistinnen der aktuellen Szene (Mareike Wiening, Sasha Berliner, Kalia Vandever), dass weder die Zeiten der Diskriminierung auf Grund des Geschlechts vergangen sind, noch jene des plumpen Anbaggerns. Und dass Frauen, um für das was sie tun, anerkannt zu werden, darin noch immer wesentlich besser sein müssen als ihre männlichen Kollegen, Mitbewerber, Konkurrenten. Wovon die interviewten jungen Schlagzeugerinnen aber auch berichten, das sind Agenten der Selbstheilung in der Szene, bereits etablierte Musiker und Musikerinnen mit fest geknüpften Netzwerken, die jüngeren Kolleginnen, von deren musikalischer Qualität sie überzeugt sind, als Mentoren mit Rat und Tat (und Weiterempfehlungen) unterstützend zur Seite stehen.

Mit sehr persönlich angelegten Beiträgen verschoben zwei aktive Musiker den Fokus der Tagung ein großes Stück weiter in Richtung Konkretion. Im Gespräch mit Arne Schumacher berichtete die Saxofonistin Holly Schlott, die man bis 2018 als Volker Schlott beispielsweise aus dem Saxofonquartett Fun Horns kannte, von der Prozesshaftigkeit ihrer Geschlechtsangleichung, die sie nicht als einen Sprung zwischen zwei binären Zuständen, männlich/weiblich, versteht, sondern als eine Ausweitung ihres Rollenrepertoires, die sie heute mit großer Emphase als durchaus lustvoll und bereichernd beschreibt. Obwohl die Geschlechtsangleichung ohne Zweifel eine starke Veränderung der empfundenen Identität bewirkt, ist sie für Schlott nicht mit einer Abspaltung ihrer vorherigen Lebensgeschichte als Mann verbunden, entsprechend gelassen reagiert sie, wenn sie als „Volker“ angesprochen wird oder verwendet auf aktuellen CD-Veröffentlichungen beide Vornamen. Allerdings verschweigt die Saxofonistin keineswegs, dass sie sehr lange gezögert habe, bis sie erst an der Schwelle zur Beendigung ihres sechsten Lebensjahrzehnts ihr öffentliches Geschlecht an das schon sehr lange empfundene angeglichen habe. Und dass sie sich sehr gewundert habe, dass es in der Jazzszene, sehr wenig Reaktionen auf ihre Geschlechtsangleichung gegeben habe, weder negative noch positive, was sie selbst mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen habe. 

Fernab von den binären Schattenspielen um gender, race, class, etc, die so häufig die Debatten um Identitäten prägen, demonstrierte der Pianist Sebastian Sternal auf der instrumentaltechnischen Mikroebene, wie man als Musiker aus dem Studium seiner Vorbilder ein Vokabular von melodisch, harmonisch, rhythmischen Kurzformeln für den Zweck der Improvisation entwickeln kann, das sich einerseits direkt aus dem Strom der Jazztradition (oder potentiell auch jeder beliebigen anderen Tradition) speist, und andererseits durch die persönlichen Vorlieben gefiltert und damit höchst individuell ist. Den grundlegenden Stimmerwerb im Sinne des Erwerbs einer eigenen, unverwechselbaren (Instrumental-)Stimme als Musiker verlegt er damit in den Bereich einer sozusagen bewusst gesteuerten Entwicklung von kleinen und kleinsten musikalischen Sinnpartikeln, die man eher als Silben oder Phoneme verstehen könnte, denn als Worte, Sätze, Absätze.

So sehr im Verlauf der 43. RJR-Tagung deutlich wurde, dass vor allem das Identitätsmerkmal Gender im deutschen Jazz des Jahres 2022 noch immer von großer Bedeutung für die Zugangsregelungen ist, (andere Identitätsmerkmale wie Hautfarbe, Religion, Bildungsgrad, soziale Herkunft, etc. wurden – wenn überhaupt – nur en passant thematisiert), so deutlich wurde auch, dass mit der Thematisierung von identitätsbezogenen Diskriminierungen allein, kaum wesentliche Fortschritte in Sachen Chancengerechtigkeit und Niedrigschwelligkeit zu erzielen sind. Zwar könnten Quotenlösungen möglicherweise ein anderes, diverseres und damit auch inklusiveres Binnenklima in der Jazzszene befördern, doch um wirklich näher an den Idealzustand einer Farbenblindheit in Sachen Identitätsmerkmalen heranzurücken, wäre es notwendig, auf der Ebene des konkreten Handelns Vorgehensweisen wie beispielsweise Blind Auditions bei Besetzungsfragen zu entwickeln, die Vorurteile weitgehend ausschließen. Mit der enormen Spannung zwischen der philosophischen Ebene der Begriffsklärung, in der die Sinnhaftigkeit der Auseinandersetzung über Fragen der Identitäten selbst bisweilen ins Schwimmen geraten kann und der von Sternal vorgestellten praktischen Ebene, auf der die Selbstkonstruktion von Identitäten jede Transzendenz abstreift und sich als eine sehr kleinteilige Arbeit an den Details des eigenen musikalischen Vokabulars erweist.

43. RJR-Tagung: Identitäten im Jazz

In Zusammenarbeit mit dem „Jazzpool Lübeck e.V.“ im Rahmen des Travejazz-Festivals.

Wer bin ich? So einfach sie syntaktisch auch sein mag, ist die Frage nach dem, was jede Einzelne der Milliarden Menschen im Innersten ausmacht und sie von all den anderen unterscheidet, die Frage aller Fragen, diejenige, der sich jede und jeder zu stellen hat. Bin ich Mensch oder Cyborg, Tier oder Maschine? Mann oder Frau oder etwas ganz anderes? Alt oder jung, groß oder klein, rank oder dürr, stämmig oder etwas korpulenter? Ist meine Haut heller oder dunkler, mein Pass rot oder blau, grün oder gelb? Meine Religion mono oder poly oder vielleicht gar gänzlich agnostisch? Die Frage nach der Id-Entität, einer unabänderlich stabilen, an essentielle Eigenheiten gebundenen Grundlage einer Persönlichkeit, hat derzeit Konjunktur. Ist gleichermaßen Ansatzpunkt für politisch motivierte Ausschlüsse nach sozialen, genderpolitischen, rassistischen Kriterien, wie für die politische Kritik an solchen Ausschlussmechanismen.

Dabei ist unstrittig, dass das soziale und wirtschaftliche, spirituelle und kulturelle Umfeld, in dem man aufwächst, dass Klima, Ethnizität, Geschlecht, Sprache und noch viele weitere Faktoren Spuren und Narben in jedem und jeder einzelnen hinterlassen, tiefe Spuren, die sich bis in körperliche Codes einschreiben können. Und dass sich im hyperkomplexen Zusammenspiel einer infiniten Anzahl determinierender Faktoren möglicherweise so etwas wie ein mentaler Fingerabdruck der Persönlichkeit darstellen lässt.

Gerade im Jazz, der seine Entstehung einem kulturellen Verschmelzungsprozess verdankt, der die (von der Gewalt der Sklaverei und einem enormen Machtgefälle geprägte) Begegnung von Migrantengruppen aus Europa und Afrika auf amerikanischem Boden in eine neue, hybride musikalische Form übersetzte, in der Elemente musikalischer Praktiken aus den verschiedenen Herkunfts-Kulturkreisen legiert sind, hat die Frage nach der Identität jeder einzelnen Musikerin, nach ihrer unverwechselbaren, einzigartigen Stimme, ein sehr hohes Gewicht.

Zugleich stellt sich eine weiterführende Frage: Ist der Singular für die Frage nach der Identität einer Person die angemessene Dimension? Müsste man in den zunehmend komplexer gewordenen Gesellschaften, die jeden einzelnen mit zunehmend komplexeren Rollenanforderungen und Interaktionen weit über die Grenzen der eigenen Sozialisation hinaus konfrontiert, nicht das Konzept der Identität zumindest in den Plural erweitern: IDENTITÄTEN?

In seiner 43. Arbeitstagung umkreist Radio Jazz Research das Thema Identität in verschiedenen Radien. Die Palette reicht dabei von dem Thema Nachwuchsförderung über Fragen Geschlechterdisparität und nach dem Ausschlussfaktor Queerness, bis hin zu allgemeineren Diskussionen des Begriffs Identität und seiner Ausweitung im Anschluss an das Konzept der Transkulturalität, den der Philosoph Wolfgang Welsch zur Debatte stellte. Eine besondere Rolle spielt schließlich der Pianist Sebastian Sternal mit seinem Versuch, am Flügel ganz praktisch die Komplexität seiner Arbeit an einer Bestimmung einer Identität zu demonstrieren.

Text: © Stefan Hentz, Juni 2022
Bild: © Maximilian Busch, September 2022


43. RJR-Tagung: Identitäten im Jazz
8.-10. September 2022

PROGRAMM:
Programm: Bernd Hoffmann/Peter Ortmann
Moderation: Michael Rüsenberg

9. September:

ORT: Europäisches Hansemuseum, Lübeck (An der Untertrave 1):

9.30 Begrüßung: Stadtpräsident der Hansestadt Lübeck Klaus Puschaddel, Kultursenatorin Monika Frank, Jazzpool Lübeck Sven Klammer, Vorstand RJR Dr. Bernd Hoffmann

10.00 Michael Rüsenberg:
Identität? – Transkulturalität!
Ein paar philosophische Gedanken, eingesammelt bei Wolfgang Welsch

11.00 André Doehring:
„They say I’m different“: Identitäten im und für den Jazz erkennen, verstehen und fördern

12.00 Christiane Gerischer: 
Die Bedeutung des Mentoring für Frauen im Jazz am Beispiel von Schlagzeugerinnen

15.00 Holly Schlott, Saxofonistin/Komponistin aus Berlin, im Gespräch mit Arne Schumacher

16.00 Arvid Maltzahn / Peter Ortmann:
Jazz-Nachwuchs-Förderung am Beispiel von Jugendjazzorchestern und Jugend-jazzt-Wettbewerben

17.30 RJR-Mitgliederversammlung

10. September:
ORTE: Musikschule Lübeck / Europäisches Hansemuseum, Lübeck:

9.30 Sebastian Sternal (Musikschule):
«Do I have a voice?“ Die Suche nach der eigenen Stimme – Personalstile im Jazz

11.00 Oliver Weindling:
Political Identity in Jazz. A curse or a blessing?

12.00 Zur Abbildungen von Identitäten.
Round Table mit Andreas Felber, Lena Jeckel, Urs Johnen.
Moderation: Arne Schumacher

ÄNDERUNGEN VORBEHALTEN

Neue Künstlerische Geschäftsführung im Stadtgarten Köln

Pressemitteilung, Köln 28. Juni 2022


Neue Künstlerische Geschäftsführung im Stadtgarten Köln


Reiner Michalke übergibt an Kornelia Vossebein

Eine Ära geht zu Ende: 44 Jahre nach Gründung der Initiative Kölner Jazz Haus (IKJH) und nach 36 Jahren als verantwortlicher Kurator des Konzertprogramms im Stadtgarten Köln, dem „Europäischen Zentrum für Jazz und Aktuelle Musik“, übergibt Reiner Michalke den Staffelstab an seine Nachfolgerin Kornelia Vossebein, die ab dem 1. Juli die Künstlerische Geschäftsführung dieser international renommierten Spielstätte übernehmen wird.
1978 gründete der studierte Volkswirt und Bassist Reiner Michalke mit weiteren Kölner Musiker:innen die IKJH. Ziel war es, mit dem Stadtgarten eine Spielstätte für die kreative Kölner Jazzszene zu bekommen, die bis dato im Kulturleben der Stadt so gut wie nicht berücksichtigt wurde. Nach einem fünf Jahre dauernden, kulturpolitischen Kampf bekam die IKJH 1983 den Zuschlag für den Stadtgarten.
In der Folge konnte dank finanzieller Unterstützung des Landes NRW am 4. September 1986 der Konzertsaal eröffnet werden – mit Reiner Michalke als Künstlerischem Leiter.
Mittlerweile finden auf dessen drei Bühnen jährlich rund 400 Konzerte statt. 2017 wurde der Stadtgarten vom Land NRW und der Stadt Köln zum „Europäischen Zentrum für Jazz und Aktuelle Musik“ aufgewertet und erhält seitdem eine gesicherte Förderung Reiner Michalke war stets mehr als nur ein Konzertveranstalter. Von Anfang an war es ihm wichtig, mit anderen Formen der Präsentation zeitgenössischer Musik zu experimentieren. Das zeigte sich bereits bei den Jazz Haus Festivals ab 1978, mit denen das Potenzial der Kölner Szene auf die Bühne gebracht wurde. Das zeigte sich auch mit
Festivals wie beispielsweise „Post This & Neo That“, das er zwischen 1989 und 1996 gemeinsam mit Matthias von Welck in der Kölner Philharmonie realisierte, oder der Musiktriennale Köln, deren Jazzprogramm Michalke von 1993 bis 2007 in Kooperation mit der Kölner Philharmonie kuratierte. Von 2006 bis 2016 war er Künstlerischer Leiter des Moers Festival, seit 2018 ist er Intendant der Monheim
Triennale. Michalke war Gründungsmitglied sowohl des „Europe Jazz Network“ als auch der Bundeskonferenz Jazz“, mit denen er oftmals wichtige kulturpolitische Initiativen auf den Weg brachte. Ebenfalls auf seine Initiative zurück geht der Spielstättenprogrammpreis „Applaus“ des Bundes, die Gründungen von Off-Cologne (Verband Mittelständischer Kulturwirtschafts-Betriebe e.V.), des Kulturnetz Köln und der Kölner Jazzkonferenz. Zudem ist Michalke Mitglied im Musikbeirat des Goethe-Instituts.
„Zum 1. Juli 2022 verabschiedet sich Reiner Michalke aus der Künstlerischen Leitung des Kölner Stadtgartens“, so Ulla Oster, Vorstandsvorsitzende der IKJH. „Unerschrocken, beharrlich, abenteuerlustig und visionär hat er dem Jazz und der aktuellen, improvisierten Musik Türen geöffnet; er hat neue Wege gesucht, gezeigt und geebnet, und damit wird er vermutlich auch in den nächsten Jahren nicht aufhören.
Wir sind froh, dass wir in Kornelia Vossebein die richtige Nachfolgerin für Reiner Michalke gefunden haben. Mit ihrer Kompetenz, Erfahrung, Leidenschaft und Offenheit wird sie das Schiff Stadtgarten tatkräftig weitersteuern.“
Die studierte Literatur- und Sprachwissenschaftlerin Kornelia Vossebein war ab 2001 als Geschäftsführerin für das Konzertprogramm im Bunker Ulmenwall in Bielefeld verantwortlich und arbeitete in der Zeit schon eng mit dem Stadtgarten Köln zusammen – wie zum Beispiel in der „Gemeinschaft unabhängiger Spielstätten“. 2009 wechselte sie als Geschäftsführerin zur Zeche Carl in Essen, bevor sie 2020 die Leitung von „NICA artist developement“ übernahm, dem Exzellenz-Förderprogramm des Landes NRW für
Jazz und aktuelle Musik, das vom Stadtgarten organisiert und durchgeführt wird. Vossebein ist Mitglied der Lenkungsgruppe des Spielstättenprogrammpreises „Applaus“ des Bundes und Sprecherin der „Bundeskonferenz Jazz“. Als Künstlerische Geschäftsführerin will Vossebein das Kurator:innen-System verstärken, um den Stadtgarten noch mehr als Ort für ungewöhnliche Musikproduktionen zu etablieren. Einen weiteren Schwerpunkt ihrer Arbeit sieht sie in der Intensivierung der internationalen Vernetzung des Stadtgarten Köln.


Weitere Informationen finden Sie hier.


Ansprechpartnerin und Kontakt
Jennifer Lauri
Leitung Kommunikation & Presse
Stadtgarten Köln
T: +49 (0)221 – 952994-34
Jennifer.lauri@stadtgarten.de
www.stadtgarten.de

Jazz Re:Search in 21st-Century Academia and Beyond

Dear presenters,

We are very pleased to announce that our conference “Jazz Re:Search in 21st-Century Academia and Beyond” will take place as a live conference from June 9 to 12 2022 – a very warm welcome to everyone who will join us in Graz! Here is the revised schedule.

We would like to remind you that conference registration is now open. If you have not already registered, we kindly ask you to do so following this link: https://www.aanmelder.nl/128370/admin/registrationform

After more than two years of the pandemic, we are determined to host a face-to-face conference – with the aim of “bringing researchers together”, to quote the Rhythm Changes motto. Nevertheless, the pandemic has not (yet) vanished, so we plan to stream parts of the conference (including both keynotes as well as selected sessions) via Zoom for participants unable to attend due to health issues. Currently, we are working on technical solutions to enable interaction between presenters and audiences on-site and online. More information about online modalities will follow, also concerning the registration to a reduced fee.

Furthermore, we can inform you that most COVID regulations are suspended in Austria. There are no restrictions for bars and restaurants in Graz, at KUG wearing a face mask is recommended. In due time, you will receive an update concerning the current regulations.

We are very looking forward to meeting you all in June!

With warm regards

Benjamin Burkhart and Philipp Schmickl (on behalf of the conference organizing team)