Tagungsbericht 47. RJR Tagung in Bad Goisern

47. RJR Tagung
Im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl, Salzkammergut 2024

Jazz in den europäischen Medien.
Historische Betrachtungen und aktuelle Strömungen

Bad Goisern, Goiserer Mühle 24.- 26. April 2024

In ihrer 47. Arbeitstagung in Bad Goisern fokussierte die Arbeitsgruppe Radio Jazz Research ihr Thema auf die Beziehungen zwischen Jazz und den Medien Hörfunk und TV, eine zweitägiges Meeting im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas (Salzkammergut 2024), maßgeblich unterstützt von den Jazzfreunden Bad Ischl und ihrem vitalen Konzertprogramm.

Schon bei der ersten Präsentation, in der die Amsterdamer Medienwissenschaftlerin Carolyn Birdsall von ihren Recherchen in europäischen Rundfunkarchiven aus den Jahren 1930-1940 berichtete, spielte das Thema der Speicherung und Bewahrung von Sendematerial, konkret der Aufzeichnung von Musik im Allgemeinen und von Jazz nur eine untergeordnete Rolle. Dennoch klang schon an dieser Stelle sehr deutlich eine Grundüberzeugung durch, die im Grunde genommen in allen Beiträgen der Tagung in jeweils modifizierter Form formuliert wurde: Die Arbeit an der Geschichte der Wechselbeziehungen zwischen dem Rundfunk und einer künstlerisch inspirierten Form von Musik wie dem Jazz ist Arbeit an einem aufgeklärten Selbstverständnis der europäischen Gesellschaften zu ihrer Vergangenheit und also zu sich selbst.

Die zentrale Bedeutung einzelner Protagonisten für die weltweite Verbreitung des Jazz unterstreicht die Arbeit des Historikers und Musikwissenschaftlers Rüdiger Ritter, der den medialen Marketing-Strategien und der Wirkung der Arbeit des legendären US-Radio-DJ Willis Conover nachforscht. Conover hatte von 1955 bis kurz vor seinem Tod 1996 in einem Strauß von Hörfunksendungen auf dem US-amerikanischen Auslandssender „Voice of America“ die frohe Botschaft des Jazz in die Welt getragen und ganz besonders in die Teile der Welt, die hinter dem Eisernen Vorhang lagen. Conover transportierte nicht nur amerikanischen Jazz in den sogenannten Ostblock, sondern baute bei seinen Festivalbesuchen in Polen und der Tschechoslowakei, in Ungarn und der Sowjetunion mit seinem Interesse an der dort entstehenden Jazzmusik eine Rückkopplungsschleife auf, die den Jazz vor Ort  in das internationale Programm hob und damit wiederum die lokalen Szenen bestärkte.

Drei Referenten, der Jazz- und Medienforscher und frühere WDR Jazzredakteur Dr. Bernd Hoffmann, Tim Wall, Professor of Radio and Popular Music Studies aus Birmingham und Dr. Andreas Felber, aktueller Jazzredakteur bei Ö1 in Wien, thematisierten die Bedeutung der Vermittlungsarbeit öffentlicher Rundfunkanstalten für die jeweiligen Jazzszenen in Deutschland, Österreich und Großbritannien: Hoffmann stellte in seinem Vortrag sechs Fernseh-Sendereihen der 1950er- und 1960er-Jahre aus dem Sendeverbund der ARD (von HR, NDR, SWF, SFB, RB und WDR) vor und analysierte die thematisch sehr unterschiedlichen journalistischen und künstlerischen Profile in der Darstellung improvisierten Musik. Die Häufigkeit ausgestrahlter Ausgaben wie „Jazz – gehört und gesehen“, „Jazz für junge Leute“ oder die „Notizen aus der Jazz-Werkstatt“ überrascht, zwischen 1955-1966 wurden über 122 Fernsehproduktionen gesendet.  Tim Wall skizzierte die Entwicklung der Jazzrezeption in Großbritannien anhand der verschiedenen Zielgruppen zugeordneten Programmschienen der zentralisierten Radio- und Fernsehanstalt BBC und bezog auch die inhaltliche Arbeit des legendäre Fernsehprogramms „Jazz 625“(1964-1966) mit ein. Wie bei Hoffmann überwiegen bei „Jazz 625“ die Sendungen mit nationalem Modern Jazz, in ihrer Anzahl direkt gefolgt von den neotraditionell spielenden Ensembles. Andreas Felber unterstrich schließlich die noch immer erfreulich stabile Entwicklung des Programmsegments Jazz in der Kulturwelle Ö1 (Hörfunk ORF) und verwies in diesem Zusammenhang auf die hohe Akzeptanz der Arbeit der Ö1-Jazzredaktion in der österreichischen Szene, die sich bisher bei auch hierzulande gelegentlich auftretenden Impulsen, den Umfang dieser Form von zeitgenössischer Kulturarbeit und Gegenwartsreflexion weiter einzudämmen, als Schutzwall mobilisieren ließ. Den entscheidenden Beitrag zur Resilienz dieses Programms muss man auch hier in der historischen Reihe handelnder Protagonisten u.a. von Moderator Walter Richard Langer oder dem früheren Ö1-Jazzredakteur Herbert Uhlir suchen .

Einen Seitenblick in eine andere Medienwelt lieferte zum Abschluss der Tagung die Podcasterin Tara Minton aus London, die zusammen mit ihrem Co-Host Rob Cope in radikaler Selbstausbeutung im Do-it-yourself-Verfahren einen Podcast hostet und betreibt. „The Jazz Podcast“ ist ein Gesprächspodcast, der, vertrauend darauf, dass es den beiden Hosts als Musiker:innen gelingen wird, Nähe zu ihren Gästen und einen spannenden Gesprächsverlauf aufzubauen, ohne große theoretische und ästhetische Umschweife (und gelegentlich  auch ohne Musik) technisch weitgehend unbearbeitete Gespräche mit Musikern präsentiert. Ein Gegenpol zu dem journalistischen Professionalismus all der anderen Darbietungen, die bei dieser Tagung Thema waren: schnell, direkt, enthusiastisch. Und damit nähert sich „The Jazz Podcast“ ungewollt  dem Rekurs europäischer Jazzszenen der frühen Nachkriegsjahre, interessiert am Tun und unbekümmert um den Stand der Diskurse.

Die Zukunft des Journalismus?  

Stefan Hentz

47. RJR-Arbeitstagung in Bad Goisern | 24. – 26. April 2024

47. RJR Tagung
Im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl, Salzkammergut 2024

Jazz in den europäischen Medien.
Historische Betrachtungen und aktuelle Strömungen

Bad Goisern, Goiserer Mühle 24.- 26. April 2024

Als Kinder des 20. Jahrhunderts stehen Jazz und Radio seit jeher in engem Austausch. Ohne die Verstärkung durch den Rundfunk hätte der Jazz, dieses Amalgam aus musikalischen Formelementen mit afrikanischer, karibischer, europäischer (und in Spurenelementen auch autochthon amerikanischer) Signatur wohl kaum die Grenzen seines ethnisch und sozial eng umrissenen Umfelds in bestimmten Teilen der US-amerikanischen Südstaaten sprengen können, sondern wäre bestenfalls als eine von vielen regionalen Stilistiken der Musik dieser Welt überliefert worden. Wenn überhaupt. Umgekehrt profitiert der Rundfunk noch heute von all den aufregend neuen Musikformen, die sich unter dem maßgeblichen Einfluss der Jazz herausdifferenzierten, Jazz in seinen verschiedenen Stilistiken, Blues und R&B, Rock und Pop, Soul und HipHop, die für die kurzfrequenten Aufmerksamkeitsspannen, die das breite Publikum medial vermittelter Musik gegenüber aufzubringen vermag, wesentlich besser geeignet scheinen, als es beispielsweise die langen Spannungsbögen im Geist der klassischen, europäischen Kunstmusik gewesen wären. Zugleich trug der stilistisch hybride Jazz schon von Anfang an den Keim zu seiner Globalisierung in sich, zu einer Grenzenlosigkeit, wofür wiederum der Rundfunk ein paradigmatisches Vertriebsmittel ist.

Auf seiner 47. Arbeitstagung im April 2024 in Bad Goisern nimmt der internationale Arbeitskreis Radio Jazz Research, der das Interesse an den Schnittfeldern von Jazz und Rundfunk schon im Namen trägt, das Thema „Das europäische Jazz-Radio“ in den Fokus. Dabei sind es zwei Linien, die das Programm strukturieren. Auf der ersten Schiene geht es um die bis heute wirksame Symbiose von Jazz und Rundfunk in Sachen Technologie, vom Aufnahmeprozess über die Speicherung und Archivierung in den Hörfunkstudios selbst aufgenommener Musik sowie fertiger, ausgestrahlter Programme. Die Amsterdamer Medienwissenschaftlerin Carolyn Birdsall wirft einen Blick in europäische Rundfunkarchive aus den Jahren 1930-1940 und geht der Frage nach, wie ‚populäre’ Musik (zu der der Jazz auch damals schon zu zählen war) in den Archiven unterschiedlicher Rundfunkanstalten aufbereitet wurde, welche Rückschlüsse sich auf ihre politische Vereinnahmung (oder auch: ihren Ausschluss) im Hinblick auf den 2. Weltkrieg ziehen lassen und wie die Rundfunksender der Siegermächte nach 1945 die Rundfunkszene in den Ländern Europas veränderten.

Die zweite Schiene führt zu den Wirkungen, die die Aufarbeitungen des Jazzgeschehens in Rundfunk und TV auf kollektive Bewusstseins- und Verhaltensverschiebungen in verschiedenen Zielgruppen hatte. Bernd Hoffmann untersucht in seinem Vortrag „Jazz-Notizen für junge Leute“ drei Fernseh-Sendereihen der 1950er- und 1960er-Jahre aus dem Sendeverbund der ARD (von SWF, HR und NDR), die thematisch ein sehr unterschiedliches Profil aufweisen: Während die 1955 von Joachim-Ernst Berendt für den SWF entwickelte Reihe „Jazz – gehört und gesehen“ sich bis zu ihrer Einstellung im Jahr 1974 stark an US-amerikanischen Künstlern orientierte, adressierte Olaf Hudtwalker in der HR-Reihe „Jazz für junge Leute“ schon das Generationenproblem in der Jazzrezeption, das mittlerweile zu einem Schwerpunkt des Jazz-Diskurses geworden ist. Die NDR-Reihe „Notizen aus der Jazzwerkstatt“ dagegen bietet Einblicke aus den mutigen Eigenproduktionen, die die Jazzredaktion des NDR in jenem Zeitabschnitt, als an eine Jazz-Big Band unter der Fahne des NDR noch lange nicht zu denken war. Seine Befunde über sechs Sendereihen stellt Hoffmann in einem ersten Ansatz zu einer internationalen Einordnung Beiträgen aus der BBC-Reihe „Jazz 625“ gegenüber. Den Gegenschnitt aus einer britischen Perspektive auf die TV- Sendereihe „Jazz 625“, die von 1964 bis 1966 im TV-Programm der BBC lief, stellt Tim Wall, Professor of Radio and Popular Music Studies aus Birmingham vor: Wall, der derzeit u.a. an einer Monografie über den Jazz im Radioprogramm der BBC zwischen 1922 und 1972 arbeitet, bettet diese Überlegungen in seine Präsentation des BBC-Jazz-Programms ein.

Der Historiker und Musikwissenschaftler Rüdiger Ritter geht noch einen Schritt weiter in Richtung Internationalität und untersucht die Wirkung, die der US-Radio-DJ Willis Conover, der von 1955 bis kurz vor seinem Tod 1996 auf dem US-amerikanischen Auslandssender Voice of America die Frohe Botschaft des Jazz in die Welt trug – auf den Jazz, die Alltagskultur und den Kunstbetrieb in dem Teil der Welt, der unter sowjetischer Vorherrschaft stehend, von einigen der Segnungen der amerikanischen Kultur weitgehend ausgeschlossen blieb. Dabei überbrachte Conover nicht nur die Botschaft vom amerikanischen Jazz, sondern schuf bei seinen Festivalbesuchen in Polen und der Tschechoslowakei, Ungarn und der Sowjetunion mit seinem Interesse an der dort entstehenden Jazzmusik auch eine Rückkopplungsschleife. Indem er das dortige Jazzschaffen in sein Programm auf Voice of America einspeiste, erhob er Musiker aus den versperrten Zonen auf die Ebene der Jazz-Rezeption und bestärkte sie wiederum in ihrem musikalischen Tun.

Auf einer dritten Schiene schließlich geht es um eine Bestandsaufnahme: Jazz-Hörfunk-Programme aus Ländern wie Österreich, Deutschland, Niederlande und Polen werden vorgestellt und analysiert. Der Wiener Jazzredakteur Andreas Felber (ORF) beschreibt die aktuelle Situation in der Alpenrepublik.

Vor dem Hintergrund der Unterscheidung zwischen linear versendeten Programmen und on-demand abrufbaren Podcasts oder anderen Inhalten stehen einerseits Erfahrungen mit bestimmten Präsentationsformen wie individualisiertes Autoren-Radio versus technisch generierte Playlists, stilistisch gebundene Jazzprogramme vs. Jazzinseln in einem stilistisch vielfältigen Musikprogramm zur Diskussion.

Stefan Hentz

24.04.2024

Hotel Goiserer Mühle
Kurparkstraße 9, 4822 Bad Goisern am Hallstättersee, Österreich

20.00 RJR-Willkommen Abendessen

25.04.2024
RJR-Tagung – Das Programm:
Moderation: Michael Rüsenberg

Begrüßung: Dr. Bernd Hoffmann (RJR), Emilian Tantana (Jazzfreunde Bad Ischl)

1) 09.00 Carolyn Birdsall (Amsterdam):
Europäischer Jazz und das Radioarchiv.

In dieser Präsentation wird Dr. Carolyn Birdsall (Universität Amsterdam) ihr kürzlich durchgeführtes Forschungsprojekt zu Radio-Bibliotheken/-Archiven in Europa nutzen, um den Platz von (populärer) Musik in diesen Sammlungen und für die Programmproduktion zu betrachten. Die Präsentation wird Fallstudien darüber enthalten, wie (populäre) Musik, sowohl kommerzielle als auch «eigene Produktionen», in den Sammlungen von Rundfunkanstalten in den 1930er-1940er Jahren präsentiert wurde. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die Verwendung/den Missbrauch dieser Sammlungen im Kontext des Zweiten Weltkriegs (zum Beispiel bei Radio Luxemburg) und auf die sich verändernde Radio-Bibliotheks-/Archiv-Landschaft nach 1945 gelegt (zum Beispiel mit der Gründung von AFN und BFN in Europa).

2) 10.00 Rüdiger Ritter (Bremerhaven):
Jazz-Diplomatie im Kalten Krieg,
Willis Conovers Jazz-Sendungen auf «Voice of America» und ihre Rezeption im Ostblock (Sowjetunion, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn).

Mit seiner Radiosendung Music USA – Jazz Hour, die ab 1955 vier Jahrzehnte lang jeden Abend weltweit über Kurzwelle ausgestrahlt wurde, bot der Voice-of-America-Radio-Moderator Willis Conover nicht nur eine wesentliche Quelle für Jazzinformationen, sondern verwirklichte auch eine zentrale Aufgabe der US-amerikanischen Kulturdiplomatie. Conover reiste auch persönlich in die Staaten des Ostblocks, spielte eine wichtige Rolle bei der Gestaltung von Jazzfestivals wie dem Jazz Jamboree und wurde zu einer Legende unter Jazzmusikern und -liebhabern. Geschickt nutzten Kulturpolitiker in den Ländern des Ostblocks seine Präsenz, was zu einer Stärkung der lokalen Jazzszenen führte. Der Vortrag zeigt Conovers Rolle in diesem kulturpolitischen Wettbewerb. Grundlage ist sein Nachlass, der erstmals zu diesem Zweck ausgewertet wurde, sowie Recherchen in Archiven und Gespräche mit Zeitzeugen in den Ländern des ehemaligen Ostblocks.

3) 11.00 Andreas Felber (Wien):
Eine Beziehung in Veränderung.
Die Präsenz von Jazz im öffentlichen Radio Österreichs.

In dieser Präsentation möchte Dr. Andreas Felber die Perspektive des Jazz in Österreich diskutieren. Für viele, insbesondere ältere Musikfans in Österreich, repräsentieren die 1970er und 1980er Jahre in Bezug auf die Präsenz von Jazz im österreichischen Rundfunk immer noch eine Art «goldenes Zeitalter». Und das war kein Zufall: Als Folge der Rundfunkreform von 1967 wurden eine Vielzahl von Jazzprogrammen präsentiert. Insbesondere auf dem neu geschaffenen «Jugendradiosender» Ö3, aber auch im Fernsehprogramm war Jazz präsent. Schon in den Jahren vor der Liberalisierung des Rundfunkmarktes in Österreich im Jahr 1995 – sehr spät im europäischen Vergleich – begann die Rundfunkpräsenz von Jazz im Fernsehen und Radio zu schwinden: Improvisierte Musik wurde in den 1990er Jahren gänzlich aus dem Fernsehprogramm verbannt; was das Radio betrifft, wurde es während dieser Zeit ins Programm von ORF’s Kultur- und Informationsstation Ö1 verschoben. Hier findet der Jazz in Österreich immer noch seine wichtigste Medienplattform, einerseits durch sieben regelmäßige Sendungen (sechs davon wöchentlich) und andererseits durch die Aufzeichnung von etwa 100 Konzerten pro Jahr in ganz Österreich.

4) 14.00 Tim Wall (Birmingham):
Jazz im Fernsehen.
The British Broadcasting Corporation and new British jazz 1960-75

In seinem Vortrag präsentiert Tim Wall (Professor für Radio und Popularmusikforschung, Birmingham City University, Birmingham, UK) Ergebnisse seines Forschungsprojekts über die Geschichte des Jazz-Programms auf den vier Hörfunkwellen der BBC in der für den britischen Jazz besonders regen Phase zwischen 1960 und 1975. Besonderes Augenmerk richtet Wall dabei auf das bahnbrechende BBC-TV-Programm  Jazz 625 zwischen 1964 und 1966, mit dem das zweite TV-Programm der BBC gestartet wurde. In seiner Präsentation nimmt Wall einige der Spannungen und Kontroversen zwischen den Musikern jener Zeit und der BBC ebenso ins Visier wie die Erfolge der BBC mit ihren Radio- und TV-Programmen im Bereich Jazz  in dieser Zeit, in der die Anstalt besonders aktiv auch die Zusammenarbeit mit anderen Radiostationen in Europa suchte und die Wege, Jazz im TV zu präsentieren erforschte. Anhand von Klangbeispielen streift er durch interessante Diskurse jener Zeit, die sich um das Verhältnis zwischen Jazz und Radio, Ideen einer nationalen oder europäischen Jazzszene konstituierten und die Frage der Vermittelbarkeit von Jazz mit den Mitteln des Rundfunks drehen.

5) 15.00 Bernd Hoffmann (Köln):
«Jazz Notes for Young People».
Sechs deutsche Fernsehserien der 1950er und 1960er Jahre.

In dieser Präsentation möchte PD Dr. Bernd Hoffmann (RadioJazzResearch) die Perspektive des Jazz im westdeutschen Fernsehen diskutieren. Während in den 1950er-Jahren zahlreiche Hörfunksendungen ausgestrahlt waren, sieht man in den 1960er Jahren eine erstaunliche Anzahl von Fernsehserien, die sich auf improvisierte Musik konzentrieren: Dabei könnten die Jazz-Sendereihen von SWF (Südwestfunk), HR (Hessischer Rundfunk), SFB (Sender Freies Berlin), RB (Radio Bremen), NDR (Norddeutscher Rundfunk) und WDR (Westdeutscher Rundfunk) kaum unterschiedlicher sein, und genau deshalb ist ein Vergleich lohnenswert: Die umfangreiche SWF-Reihe («Jazz – Gehört und Gesehen»), die bereits 1955 von Joachim Ernst Berendt gestartet wurde, ist stark an den Tourneen von US-Künstlern in Europa ausgerichtet. Die HR-Serie («Jazz für junge Leute») mit Olaf Hudtwalcker konzentriert sich auf das regionale Thema und die Amateur-Szene im Nachmittagsprogramm, die NDR-Serie („Notizen aus der Jazz-Werkstatt“) gibt Einblicke in die Produktionen des äußerst aktiven Radio-Jazz-Redaktionsteams um Hans Gertberg. Das SFB-Projekt („Rhythmus in Bildern“) ist überaus künstlerisch gestaltet, mit Tanzdarbietungen und einem Puppenspiel. Sehr unterschiedliche journalistische und fantasievolle Bilder porträtieren Jazz im westdeutschen Fernsehen, Anfang der 1960er Jahre.

6) 16.00 Tara Minton (London):
Der von Musikern geleitete und produzierte Jazz-Podcast. Eine persönliche Perspektive.

Der Jazz-Podcast begann als kleine, lokale Show mit Fokus auf die britische Jazzszene. Nachdem er im Jahr 2021 in die Sammlung der British Library aufgenommen wurde, hat er seinen Fokus auf aufstrebende und legendäre aus Europa, Amerika und der ganzen Welt erweitert.

Diese Präsentation wird diskutieren, warum der «Do-It-Yourself»-Charakter von Podcasts eine gute Voraussetzung ist, sinnvolle Gespräche mit Jazzmusikern über ihre Kunst und ihr Leben zu führen. Als professionelle Jazzmusiker haben sowohl Tara Minton als auch Rob Cope, die beiden Hosts des Podcast eine Insider-Perspektive, die ihnen im Gespräch mit anderen Künstlern einen guten Zugang schafft. Im Laufe der Jahre hat der Jazz-Podcast enge Beziehungen zu Labels, Managern und Promotern aufgebaut, ohne je seine Authentizität als Graswurzelmedium zu verleugnen. Während Radiomoderatoren an Zeitlimits gebunden sind, ist das Medium des Podcast flüssiger und schafft Raum für eine persönlichere und authentischere Interaktion mit den Künstlern.

Die Präsentation wird Audio- und Videoausschnitte aus Lieblingsinterviews enthalten, und es wird am Ende Zeit für Fragen geben.

7) 17.30 Mitgliederversammlung
TOP: Entlastung des Vorstandes. Finanzierung 2020-2022.

8) 20.00 Konzert im Festsaal – Bad Goisern
Roberto Magris: piano (I)

Florian Bramböck: alto & baritone sax (A) Tony Lakatos: soprano & tenor sax (H) Lukáš Oravec: trumpet & flugelhorn (SK) Rudi Engel: bass (D) Gasper Bertoncelj: drums (SLO)

26.04.2024
Frühstück und Abreise

Keine Reduzierung des Jazz-Angebots in der ARD!

Radio Jazz Research unterstützt den Aufruf der Deutschen Jazzunion:

Pressemitteilung
Keine Reduzierung des Jazz-Angebots in der ARD!
Deutsche Jazzunion fordert ARD-Intendanzen zur Transparenz auf Berlin, 02.11.2023 | Die Deutsche Jazzunion fordert die Intendanzen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu mehr Transparenz auf. Die geplanten Umstrukturierungen im Kulturangebot der ARD-Radiosender erfordern die Einbeziehung der Fachexpertise von Berufsverbänden und Szeneakteur*innen. Die Deutsche Jazzunion hatte im September einen offenen Brief an die Verantwortlichen der ARD gerichtet, der bereits von über 2.300 Institutionen und Personen mitgezeichnet wurde. In einer Stellungnahme des Arbeitskreises Medien der Deutschen Jazzunion heißt es: >> Die Rundfunkanstalten der ARD planen für ihre Radioangebote derzeit die Zusammenlegung von Sendestrecken ihrer Kulturwellen. Die offizielle Informationslage ist derweil dünn – die Vorbereitungen und Verhandlungen finden weitestgehend hinter verschlossenen Türen statt. Nach bisherigen Verlautbarungen aus dem Kreis von ARD-Programm-Verantwortlichen betreffen die geplanten Änderungen insbesondere die Abendstrecke zwischen 20.00 und 24.00 Uhr. Anstelle der bisherigen Vielfalt mit eigenen regionalen Kulturprogrammen soll es offenbar im Hörfunk der ARD ein bis zwei zentral gestaltete Programme geben, die am Abend bundesweit ausgestrahlt werden. Damit sollen zahlreiche Sendungen, gerade auch jene mit regional ausgerichteten und spezifischen Inhalten, eingestellt werden. An ihre Stelle sollen vereinheitlichte Sendungen zu verschiedenen Kulturbereichen treten. Der damit einhergehende Verlust an kulturjournalistischer Vielfalt sowie an regionalen und lokalen Programminhalten ist dramatisch und betrifft alle Kultursparten – ganz besonders aber Jazz, Klassik und zeitgenössische E-Musik. Das wirft Fragen auf zum aktuellen Selbstverständnis der ARD sowie zum Kultur- und Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Letzterer wurde als föderales System mit dem Ziel von Vielfalt und Vielstimmigkeit als Grundlage einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung geschaffen. Eine Verlagerung in das digitale Angebot birgt bei ausreichender Berücksichtigung des Jazz zwar Potenzial, kann aber kein Ersatz für die Erfüllung des Auftrags im linearen Programm sein. Exemplarisch sind die absehbaren Folgen für den Gesamtbereich Jazz gravierend. Die geplante Zentralisierung wird die Sicht- und Hörbarkeit des Jazz in all seiner Vielfalt schmälern und zu weniger Produktionen und exklusiven Programminhalten in den Kulturradios der ARD führen. Und neben der Zahl der Sendestrecken für Konzertmitschnitte droht sich auch die Zahl der Studioproduktionen zur Förderung und Entwicklung des Jazzgeschehens in Deutschland in der Folge deutlich zu verringern. Dem Publikum wird damit die Vorabinformation über lokale Konzerte und Festivals nahezu vollständig genommen, Veranstalter*innen müssen damit rechnen, Konzertbesucher*innen zu verlieren. Das heißt: weniger Auftrittsmöglichkeiten und weniger Einnahmen für die Musiker*innen und somit weniger Präsenz in der Öffentlichkeit – dem Jazz als für die gesellschaftliche Selbstverständigung relevanter, künstlerischer Musikgattung droht in Deutschland das Aus. Davon betroffen werden auch die vier Bigbands der ARD sein, deren Livekonzerte und Mitschnitte in der Regel auf den ARD-Kulturwellen ab 20 Uhr ausgestrahlt werden – ein enormer Verlust für die internationale Strahlkraft des Jazz aus Deutschland. Dabei ist dies die Musikform, die direkt gesellschaftliche Entwicklungen kommentieren und unterstützen kann, quasi aus dem Moment heraus. Jazz steht auch und gerade für Integration, die Sicht- und Hörbarkeit von Minoritäten, Diversität, für grenzüberschreitenden kulturellen Austausch, kollektives Miteinander, Selbstermächtigung und individuelle Freiheit des Ausdrucks. Das hat in unserer Zeit eine große gesellschaftliche Relevanz. Angesichts dessen ist es umso unverständlicher, dass die ARD Umfang und Vielfalt des Jazzangebots drastisch reduzieren will. Die Pläne der ARD zur Zusammenlegung von Sendestrecken der Kulturwellen sind somit weit mehr als einfach nur eine weitere Programmreform. Sie sind sogar umso fragwürdiger, als sie keinen spürbaren „Spareffekt“ bringen werden. Hier handelt es sich offenkundig um reinen Aktionismus. Deshalb fordern wir: eine öffentliche, transparente Darlegung der Pläne durch die ARD; eine offene Diskussion unter Einbeziehung von Vertretungen aller betroffenen Kulturbereiche; die Befassung des Ausschusses für Kultur und Medien des Dt. Bundestags mit der Angelegenheit; die Befassung der Kultur-AG der Kulturminister*innen-Konferenz. Zudem wiederholen wir die zentralen Forderungen aus dem offenen Brief der Deutschen Jazzunion: Keine Zusammenlegung von Sendestrecken; kein Abbau, sondern Erhalt und Ausbau des linearen Jazzangebots in den öffentlich-rechtlichen Kulturwellen – vor allem am Tag; keine Reduzierung, sondern Erhalt und Ausbau  des Sendevolumens, von Konzert- und Festivalmitschnitten, von Autor*innen-Sendungen sowie regionaler Berichterstattung; ein klares Bekenntnis der ARD zur Bedeutung und Vielfalt des Jazz und ein entsprechend verbessertes, auch regional ausgerichtetes Angebot! << Im Arbeitskreis Medien der Deutschen Jazzunion treten Medienvertreter*innen aus Rundfunk, Print und Online mit Vertreter*innen des Berufsverbands der Jazzmusiker*innen zusammen, um an übergreifenden Fragestellungen zu arbeiten. Der offene Brief «Kein öffentlich-rechtlicher Rundfunk ohne Jazz!» kann weiterhin unter www.deutsche-jazzunion.de/kein-rundfunk-ohne-jazz mitgezeichnet werden. Diese Pressemitteilung auf der Webseite der Deutschen Jazzunion

46. RJR-Tagung in Mannheim – verschoben auf 2025/2026

„Medien. Macht. Musik: Jazz-Klischees in der Diskussion“

In Kooperation mit der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim, Tagungsort: N7 18,  68161 Mannheim

Wenn von einem Klischee die Rede ist, ist der Vorwurf nicht weit. Das gilt erst recht für improvisierte Musik wie dem Jazz. Bestimmte Jazz-Phänomene als „klischeehaft“ abzuwerten ist üblich; dem Stehen Aufwertungen durch Adjektive wie „authentisch“ gegenüber. Doch sind solche Urteile nicht schon selbst wieder klischeehaft?

Dies führt zur Überlegung, dass bestimmte Zuschreibungen nicht von vornherein als Klischees gegeben sind, sondern erst in einem Prozess nach und nach zu Klischees erstarren. Wodurch aber werden Zuschreibungen zu Klischees?

Hier kommt die Musik- und Medienindustrie ins Spiel, zusammen mit journalistischem und wissen-schaftlichem Reden bzw. Schreiben, aber auch Aussagen von Musikerinnen und Musikern selbst, die den Diskurs bestreiten. Durch allzu häufige, pauschale, also unreflektierte Verwendung eigentlich spezifischer Begriffe kann deren Semantik zum bloßen Etikett verfallen. Aber auch etwa dadurch, dass die Begriffe sich nicht mehr mit ihrer einstigen Bedeutung in Einklang bringen lassen, weil musikalische Entwicklungen bestimmte Ausprägungen hinter sich gelassen haben.

Doch bei der Diskussion von Klischees in der Musik im Allgemeinen und im Jazz im Speziellen kann es nicht nur um begriffliche Zuschreibungen gehen. Vielmehr geraten auch musikalische Phänomene in den Blick. Man denke nur an individuelle Licks oder den „eigenen Sound“ von Improvisierenden als Ausdruck einer originellen Persönlichkeit. Auch hier stellen sich analog die Fragen: Wie lange kann ein individuell geprägter Lick oder der „eigene“ Sound als Kriterium für Authentizität gelten? Wodurch und wann erstarren solche Eigenheiten zum Klischee?

Doch selbst die eindeutig negative Konnotation von Klischees lässt sich hinterfragen. Denn: Werden gelingende Jazz-Prozesse nicht gerade auch durch jeweils aktualisiertes improvisatorisch-kreatives Zu-sammenspiel mit Klischees deutlich? Und: Braucht das Sprechen und Schreiben über Jazz für einen kommunikativ gelingenden Diskurs nicht auch Klischees?

Verschiedene mediale und musikalische Facetten geraten in den Blick: Hans-Jürgen Linke bespricht Fragen zum Wechselspiel zwischen Jazz und Medien: Wie können Medien den Charakter der Musik, die sich auf ihnen verbreitet, beeinflussen? Oder schafft sich die Musik ihr angemessenes Medium? Jürgen Arndt hinterfragt die Funktion von Klischees im Diskurs wie in der Praxis des Jazz. Stefan Hentz, Michael Rüsenberg und Arne Schumacher diskutieren – nicht zuletzt vor dem Hintergrund ihrer eigenen jahrzehntelangen journalistischen Erfahrungen – allgemeine Fragen und konkrete Beispiele von Klischees. Kai Lothwesen untersucht Klischees, die sich in den 1960er Jahren zum Free Jazz gebildet haben. Gabriele Maurer befragt gegenwärtige Social-Media-Aktivitäten von Musikerinnen und Musikern nach Art und Funktion von Klischees zur Präsentation ihrer Jazz-Aktivitäten. Schließlich weitet Christofer Jost den Blick über den Jazz hinaus; er befasst sich unter der Überschrift „Formeln der Könnerschaft“ mit verschiedenen Ausprägungen des Virtuosen in populären Musikformen.

Tag 1

Hans Jürgen Linke (Gießen): Medien machen Musik

Jürgen Arndt (Mannheim): Notwendigkeit und Fragwürdigkeit von Klischees im Jazz

Podiumsgespräch zu Klischees im Jazz mit Stefan Hentz (Hamburg), Michael Rüsenberg (Köln), Arne Schumacher (Bremen) [Moderation: Jürgen Arndt]

Tag 2

Kai Lothwesen (Trossingen): Free Jazz-Klischees

Gabriele Maurer (Mannheim): Jazz-Klischees in Social Media

Christofer Jost (Freiburg): Formeln der Könnerschaft. Über Virtuosität in den artistischen Praktiken der populären Musik

Änderungen vorbehalten, Programm, Stand 26.4.2023

Tagungsbericht 44. RJR Tagung in Münster

44. RADIO JAZZ RESEARCH-Tagung 

„Wildcard“

Ein Bericht von Stefan Hentz

Auch bei der 44. Arbeitstagung der Arbeitsgruppe Radio Jazz Research, die zu Jahresbeginn in Münster stattfand, zeigte sich wieder einmal, dass es im Bereich Jazz häufig gerade die offenen Situationen sind, in denen sich – Zufall oder nicht – erstaunliche Tiefenbohrungen beobachten lassen. So verhielt es sich zum Beispiel bei dieser nicht durch ein gemeinsames Oberthema auf Linie gebrachten Tagung, das schon die Reibung zwischen den ersten drei Referaten die Tagung auf Betriebstemperatur brachte. Alle drei Vorträge fokussierten Grundsätzliches und arbeiteten daran, den Diskurs aus dem fluffigen Reich der Mythen in die Realwelt des Konkreten zurück zu verpflanzen, dorthin, wo klare Begriffe und Definitionen zählen.

Mit dem Begriff der Innovation im Jazz hatte sich der Siegburger Kommunikationswissenschaftler Michael Krzeminski einem Thema zugewandt, das als Qualitätsmaßstab im Jazz – also unter den Musikern und Akteuren – als expliziter Begriff eher nicht vorkommt, im alltäglichen Gespräch von Jazz-Rezipienten, von Fans und Experten, untergründig jedoch höchst präsent ist. Zumindest im Sinne der Ablehnung von schierer Epigonalität oder eines andauernden ästhetischen Stillstands ist die Forderung nach Innovation eine stete Begleitmusik der Beurteilung von Jazz. Mit dem Begriffsbesteck des Soziologen entwickelte Krzeminski die verschiedenen Komponenten des Begriffs „Innovation“ – als komplexen Vorgang und Gegenbegriff zu der mit Wirkmacht weniger aufgeladenen „Novität“. Innovationen seien „als Ergebnis einer gesellschaftlichen Abstimmung über die Akzeptanz technischer Neuerungen/Verbesserungen“ aufzufassen, „das Neue und Bessere“ gelte nur dann als Innovation, „wenn es einen sozial akzeptierten Sinn erfüllt“. Mit Nachdruck entwickelte Krzeminski dabei die Komplexität der soziologischen Perspektive auf den Begriff der Innovation, nach der technische Neuerung sich nur dann in ihrem gesellschaftlichen Umfeld durchsetzen kann, wenn sie bei einem Besonders interessierten Fachpublikum mit der wirtschaftlichen und der technischen Kapazität, die neue Technik zu verbreiten, auf Resonanz stößt und sich in einem Fünfsprung von der Ingeniosität der Neuerung über ihre Publizität in der interessierten Öffentlichkeit und ihre später Inszenierung für ein breiteres Publikum  über den Status einer vergänglichen  Episode hinaus schließlich zum Signum einer ganzen Epoche entwickelt.

Provoziert von Vorschlägen aus der deutschen Jazzszene, Jazzhochschulen in «Black American Music Institutes» umzutaufen, und damit eine Art Eigentumstitel auf die musikalische Kunstform Jazz zu etablieren, der in der Konsequenz eine Hierarchie der Zugriffsberechtigung auf das Erbe des Jazz beinhalten würde, ging der Kölner Publizist Michael Rüsenberg unter der plakativen Überschrift „Wem gehört der Jazz“ den derzeit in den USA (und – mangelhaft übersetzt – längst auch in Europa und Deutschland) verbreiteten Bestrebungen nach, den Jazz als urwüchsig afroamerikanische Kunstform zu definieren und ihn moralisch im Sinne seines Ursprungsmythos für den Dienst an der Community der afroamerikanisch dominierten Gründer der Kunstform zwangszuverpflichten. Zunächst rekonstruierte Rüsenberg ein Thesengebäude des US-amerikanischen Literaturwissenschaftlers und Jazz-Forschers Gerald Early, der seine Abwehr einer „europäischen Jazz-Sensibilität“ an der nicht swingenden Improvisationsmusik von Keith Jarretts Köln Concert festmacht. Nach Early sei der Erfolg dieser Musik nur dadurch plausibel zu begründen, dass dem Publikum erst in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre deutlich wurde, dass Jarrett nicht afroamerikanischer Abstammung ist. Jarrett habe, das konzidiert Early, „sich nicht absichtlich“ als Schwarzer ausgegeben, aber „als sein Publikum in den späten 1970er Jahren sein Weißsein erkannte, hatte er in gewisser Weise das Problem der Authentizität in Verbindung mit dem Begriff des Privilegs neu aufgeschrieben.“ Und konnte damit erst so erfolgreich werden, wie er wurde. So schlicht konstruiert Early seine Gleichsetzungen zwischen Hautfarbe, Herkunft, sozialem Status, und einem Blutsrecht darauf, erfolgreich sein zu können. Ähnliche Argumentationsfiguren weist Rüsenberg in der Verschriftlichung eines Vortrags nach, den der Flötist und „Antirassist in der deutschen Jazzausbildung“, Vincent Bababoutilabo, beim 17. Deutschen Jazzforum 2021 in Darmstadt gehalten hat. Bababoutilabo, der von sich sagt, dass ihm das Hören von John Coltranes „Alabama“ den entscheidenden Impuls gegeben habe, sich politisch als Aktivist im Sinne antirassistischer Bildungs- und Organisationsarbeit zu engagieren. Doch seit er begonnen hat, in Leipzig Jazzflöte und Musikpädagogik zu studieren, sei ihm dieser Anschub in Richtung seines politischen Aktivismus nicht wieder begegnet, zumindest nicht als Teil des Studienprogrammes. Im Gegenteil, In einer etwas unvermittelten Abgrenzung zu der Musik von Beethoven, auf die sich Bababoutilabo zufolge „Menschen weltweit beziehen können, ohne dass die Musik und ihre Geschichte dabei weniger aufklärerisch werden“, ist die „Black Music“ offenbar weniger immun. „Wenn sich die Institute der sogenannten „westlichen Hochkultur“ Schwarze Musik aneignen, wird sie irgendwie weniger subversiv und weniger Schwarz.“ Bababoutilabos Schlüssel für diesen Widerspruch? Rassismus, ein Wort, das Bababoutilabo ohne jedwede Bemühung um kontextualisierende Differenzierung als ein Synonym für die Vorstellung eines privilegierten (=weißen) Bevölkerungsteils, anderen Bevölkerungsgruppen überlegen zu sein, versteht. Unter Ausblendung jedweder Diversität menschlichere Zugehörigkeiten und Seinsformen bleibt Bababoutilabo hier in recht plumpen Dichotomien verhaftet, schwarz – weiß, privilegiert – nicht privilegiert, deren konsequente Anwendung neue Kontaktsperren- und Zugriffshierarchien zu den Quellen und den Gründungsmythen des Jazz erzeugen würden. Beiträge europäischer oder gar weißer Akteure – von Akteurinnen ist in diesem Zusammenhang eher nicht die Rede – stehen in dieser Sicht eher nicht zur Debatte. Entstanden als eine afroamerikanische Musikform und damit per ethnischer Zugehörigkeit widerständig, besteht die Notwendigkeit, ihn gegen Vermischungen und Verstöße gegen Reinheitsgebote und andere Einflüsse aus der weißen Welt der Privilegien, zu imprägnieren.

Der Idee eines Primordialismus, der davon ausgeht, dass Gemeinschaften und Identitäten auf einer »wirklichen«, substantiellen Gemeinsamkeiten gründen, die wiederum bestimmte kulturelle Verfahren hervorbringen, korrespondiert ein weiterer Begriffskomplex, der derzeit in den Diskursen um den Jazz Konjunktur hat: der Begriff der „kulturellen Aneignung“, zumeist im Umfeld von kulturellen Begegnungen und Vermischungsprozessen in Form der Klage über die kulturelle Enteignung einer – aus welchen Gründen auch immer – unterlegenen Kultur durch die nun siegreiche Dominanzkultur. Auf derartige Debatten über Identitäts- und Besitzverhältnisse im Bereich des Jazz bezog sich Gerhard Putschögl (Frankfurt/Main) in seinem Referat „Reinterpretation/Covering unter der Perspektive der ‚kulturellen Aneignung’“. In einem ersten Schritt stellte Putschögl zwei widerstreitende Positionen zum Konzept der kulturellen Aneignung vor. Während der Sozialwissenschaftler Lars Distelhorst in seinem Buch Kulturelle Aneignung (2021) die Standarddefinition der kulturellen Aneignung als „eigenmächtige Übernahme von Elementen einer unterdrückten Kultur durch die Angehörigen einer Dominanzkultur“ ausbreitet und die Frage nach der Gleichberechtigung der beteiligten Kulturen  in den Fokus rückt, hält die Philosophin Ursula Renz schon die Idee eines „kulturellen Eigentums“ für problematisch: „Denn Kultur ist immer auch Kulturtransfer.“ Dabei stellt sie nicht in Frage, dass es in den Debatten um „kulturelle Aneignung“ vor allem um die Wahrnehmung von Status- und Machtgefällen zwischen einer dominanten und einer Minderheiten-Kultur. „Aber das Aneignen selber, das ist Kultur. Das finden wir in der ganzen Kulturgeschichte immer wieder: in der Literatur, in der Musik, in der Philosophie.“

Anschließend diskutierte Putschögl die widerstreitenden Interessen bei der kulturellen An-/ Enteignung von musikalischen Formen im Bereich der Jazz- und Popmusikgeschichte anhand der zentralen Kriterien Respekt vs. Profitinteresse. Musiker wie die Trompeter Don Ellis oder Don Cherry oder der Gitarrist John McLaughlin, die sich intensiv mit den Musikkulturen beschäftigt haben, aus denen sie Elemente für ihre eigene Musik übernommen haben, seien demnach ebenso legitim wie in einer viel früheren Periode des Jazz die Übernahme von Elementen der Formensprache des Jazz ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob diese ihr Publikum vielleicht stören könnten. Prominente Gegenbeispiele wären die Original Dixieland Jass Band, eine rein weiße Band, die 1917 eher aus Zufall als aus musikalischer Relevanz die „erste“ Schallplatte mit Jazz (in dem Sinne, dass Jass im Namen der Band auftauchte und der Begriff Jass oder wenig später Jazz fortan als Gattungsbezeichnung weiterlebte) einspielten und mit Selbstbezeichnungen wie Columbus of Jazz (für den Bandleader und Kornettisten Nick LaRoca) schon frühzeitig die Klaviatur des Marketing bespielte.

Wie schwer es manchmal sein kann, zu unterscheiden zwischen Selbst-Identifikation mit einem bestimmten Musikstil und seiner Ausschlachtung für kommerzielle Zwecke, erläuterte Putschögl schließlich am Beispiel von Sting, dessen musikalischer Werdegang stark vom Einfluss des Reggae geprägt war, was ihm in den letzten Jahren einige Kritik unter dem Stichwort kulturelle Aneignung bescherte. Aufgewachsen in einem Viertel, in dem viele Bewohner aus Jamaica stammen, war er schon früh vertraut mit dem Reggae und betonte immer wieder, wie verbunden er dieser Musik und ihren Schöpfern ist. Deutlich wird an dieser Stelle, wie wacklig Zuordnungen zu bestimmten Gruppenidentitäten sind: Sprache, Religion, Race z.B., so schloss Putschögl, seien äußerst unzuverlässige Indikatoren.

Ein zweiter Themencluster thematisierte die Instrumentalisierung des Jazz im Kulturkampf der Systeme zur Zeit des Kalten Krieges. Konstantin Jahn (Dresden) verfolgte in „Henry Pleasants oder die Jazz-Hipster der CIA“ die Versuche des Leiters des CIA-Büros in Bonn, mittels des Freiheitsversprechens, das man dem Jazz (und auch der abstrakten Malerei) zuschrieb, kulturelle Geländegewinne gegenüber der zweifelhaften Attraktivität des sogenannten „realen Sozialismus“ zu erzielen, und stieß dabei auf eine sehr eigentümliche Balance zwischen der erstaunlichen kulturellen Modernität des Kreises um Henry Pleasants (und auch auf Seiten seiner deutschen Gegenüber in der Organisation um den umstandslos entnazifizierten Nazigeneral Reinhard Gehlen) und der Bereitwilligkeit ihrer Dienstfertigkeit im Umfeld ihrer geheimen Aktivitäten im Nebel des Kalten Krieges.

Als symmetrisches Gegenstück hierzu fungierte Rüdiger Ritters (Mainz) Vortrag „Ein zweischneidiges Schwert“, der seinerseits die Bemühungen, den Jazz seitens der Sowjetpropaganda in den Ländern des Warschauer Pakts nutzbar zu machen, darstellte. Ritter stellte dabei die verschiedenen Phasen dar von der offenen Verunglimpfung des Jazz als Ausdruck einer dekadenten Lebensweise über den Versuch seiner Domestizierung durch die Übernahme einzelner Elemente des Jazz über die Förderung des Volkslieds als Gegenmodell zur Abstraktion des modernen Jazz bis hin zu Versuchen der erstickenden Umarmung inklusive der persönlichen Einladung an den Radio-DJ Willis Conover, der im Gegenzug half, die Jazzszenen in den Ländern des Ostblocks zu vernetzen und ihren musikalischen Protagonisten auch im Westen bekannt zu machen.

Nach einer kurzen Aktualisierung, die Iwan Wopereis’ (Rotterdam) zum Fortgang seiner empirischen Erhebung „Music experts› knowledge on improvisational expertise: The RJR case“ auch über den Arbeitskreis Radio Jazz Research selbst angefertigt hatte, beschloss Christian Rentschs (Zürich) düsterer Bericht über jüngste Etat-, Sendeplatz- und Seriositäts-Kürzungen beim öffentlichen Schweizer Rundfunk unter dem Titel „Die Misere der Jazzkritik“, die einer ernstzunehmenden Jazzkritik kaum noch einen Hub Luft zum Atmen lassen, die Tagung.

Inntöne Festival 21.-23. Juli 2023 in Diersbach

INNtöne Festival

Musik aus dem hohen Norden und tiefen Süden:
Die Inntöne gehen wieder auf Weltreise

Ein Festivalbericht von RJR-Mitglied Oliver Weindling

Inntöne proves  Radio Jazz Research is not only about radio and jazz is totally wrong. And, with its Austrian ‘Ehrenmitglied’ Paul Zauner, it has a live music promoter here in his element. Carefully curating, being the genial host, on his own family farm.

Through his diligent research, we have a great idea of the cross section of quality jazz and improvised music which is around. Hardly as intimate as a club such as the Vortex, there is nevertheless a contact with musicians and indeed Zauner, who is often to be seen in the audience with a broad grin as he appreciates the music.

More than enough space for all, and an excellent choice of food and drink, the festival this year experimented and grew, using better its spaces such as the barn, where the festival used to be focussed before Covid.

While the music more than nods to its American roots, the selection of musicians had a strong European feel, as well as a great diversity.

There were a couple of ‘tributes’. First, more directly, a reworking of Mingus’s classic “The Black Saint and The Sinner Lady”, by saxophonist Clemens Salezny and Gregor Aufmesser, which allowed us to realise how a live performance of a classic can really add to our appreciation; and the other, more indirectly, David Helbock’s Austrian Syndicate, dedicated in name at least to Joe Zawinul, the Austrian keyboard trailblazer. Helbock is very much at the forefront of the band, relishing the opportunity to experiment, almost hyperactively, on his set of keyboards. Tempered by pianist Peter Madsen (equally a father figure of the Austrian scene especially in the west of Austria from where Helbock comes) and a trio of bass, percussion and drums. They balance the high energy and electricity which Helbock delivers.

The Austrian Syndicate was one of the daily energetic openers which would wake us up for the music ahead.

Similarly, we heard baritone saxophonist Helga Plankensteiner on Saturday with a tribute to the music – and outgoing personality – of Jelly Roll Morton. We were reminded of his other activities, such as gambler and pimp, as well as giving us a strong argument for his claim that he ‘invented’ jazz. A band which focussed on the lower registers, since in addition to Plankensteiner was bass clarinettist Achille Succi, sousaphone and drums.

Sunday’s opener was exciting as it was a chance to hear the first gig in a while of Tom Challenger’s Brass Mask. By slightly changing the lineup, apparently by force of circumstance as much as volition, he had an extra trumpet in Byron Wallen (who also doubled beautifully on conch shell) and used Caius Williams on electric bass (instead of tuba). It gave a good basis for new compositions, which were added to some of the band’s New Orleansy stalwarts.

Brass Mask was one of a particular feature on bands from London, of quite a variety. Xhosa Cole brought his quartet, and mesmerised with his Monk tunes in particular (where he brought on Byron Wallen and George Crowley as guests) but was highlighted by a solo version of Round Midnight.

There was also Freight Train, with Irish folk diva Cathy Jordan , egged on by Liam Noble and Paul Clarvis. Jordan is quite a blues shouter, and, behind her, Noble and Clarvis delivered their (dis)respectful takes on the music.

Zara MacFarlane took, I think, a couple of tunes to warm up. But by the end she had the audience in raptures with her jazz fused with soul, and her bubbly personality.

The other band from London was very different. Alexander Balanescu came with his string quartet. Perhaps best known nowadays for his arrangement of the University Challenge theme on TV, here he showed why this band had been at the forefront of the diversification of the string quartet repertoire. Especially effective was his violin rhapsodizing in the style of Romanian and Balkan folk musicians, reflecting his own roots in Romania.

Perhaps the closest to an ‘American’ quartet was that of saxophonist Hermon Mehari, born and brought up in Kansas.  But the name of the group ‘Asmara’ gives away his Eritrean roots, which are subtly infused through the set.

There was a strong focus on woman performers in addition to those mentioned above. Pianist Johanna Summer played a solo set, building on her classical reinterpretations. Then there were three all-female bands. Two contrasting trios, with ECM saxophonist Mette Henriette, playing a minimalistic Nordic set with piano and cello, and the punkish, heavy groove of the high energy French band Nout (on which more in Alison Bentley’s review from Suedtirol).  The repertoire could have felt unexpected with instrumentation of flute, harp and drums, as it grew from a quieter minimalistic start.

But also the all-star Scandinavian band of mesmerising percussionist Marilyn Mazur. Shamania gives a good indication of spirituality, here from a more northerly perspective, much of the music dating from the need to find new alternatives during lockdown. Balancing energy and giving a lot of freedom for musicians such as Danish saxophonist Lotte Anker, Norwegian trumpeter Hildegun Oiseth and Josefina Cronholm.

As much as the openers each day set us up, the closers on the main stage also balanced showmanship and technique. Brazilian accordionist Renato Borghetti, who played instruments of all sizes, was matched by the virtuosity of the rest of his band, reeds Pedro Figuereido, guitarist Daniel Sa and pianist Vitor Peixoto. And, finally on Sunday, Vieux Farka Toure built up the pace and volume steadily in a performance of desert blues, so that, by the end, we were all dancing as darkness fell.

But that wasn’t all, since the event also had us enjoying the history of jazz (in the farm’s barn) using some of the few US band leaders there, with Chanda Rule’s Sweet Emma band and veteran gospel/blues singer Janice Herrington and the jam in the pub (pigsty). By the way, on these we had a festival first, in that Paul Zauner broke one of his own rules of the festival, and joined in on trombone, only the second time in the 30+ years of the festival, he had blown his own instrument. Then on Sunday night the jam was graced with legendary 86-year old Kirk Lightsey, who had rushed over from London. Sounding like someone less than half his age, he played with an imagination that really placed him in the pantheon of Detroit great pianists which included Barry Harris and Tommy Flanagan. It boosted the rest of the band (led by Dmitry Baevsky on alto and Joe Manarelli on trumpet) who had already played well enough the night before with Oliver Kent on piano.