40. Arbeitstagung in Weimar | September 2021 (geplant): Tanz – Bewegung – Improvisation

Das 40. Radio Jazz Research-Meeting (RJR) beschäftigt sich in zwei deutlich abgegrenzten Vortragsblöcken mit Zusammenhängen zwischen Tanz, Bewegung und Improvisation,einem für die Jazz-Entstehung wie für seine Gegenwart wichtigen Themenkomplex, der bisher im Rahmen von RJR noch nicht behandelt wurde. Aktuelle und historische Formen des populären sowie des künstlerischen Tanzes im 20. und 21. Jahrhundert, die in einem direkten Zusammenhang mit der Geschichte des Jazz und der Improvisierten Musik stehen, sind Gegenstand der Vorträge, Demonstrationen und Gespräche. Während die Vorformen des Jazz schon im 19. Jahrhundert zur klingenden Basis der verschiedenen Tänze US-amerikanischer populärer Musik wurden, entwickelten sich im Jazz-Kontext zahlreiche weitere Tanzstile. Mit Improvisationen beginnend – die Musik und Bewegung unmittelbar und spontan verknüpfen -, spannt sich der Bogen weiter über experimentelle Performances, bei denen Composer-Performer aus verschiedenen Kunstbereichen in einen wechselseitigen Austauschprozess treten.

Bei der RJR-Tagung stellt zunächst das Performer-Duo Ingo Reulecke (Tanz) und Simon Rose (Saxophon) seine künstlerische Arbeit vor und erläutert an ihrem Beispiel die „Spielregeln“ improvisatorischer Kreativität. Anschließend diskutiert Helmi Vent ihre künstlerische Arbeit am Lab Inter Arts Salzburg an den Schnittstellen von Klang und Körper: Filmdokumentationen geben Einblicke, in welchen Kontexten und auf welche Weise sich improvisierende Musiker in körperorientierte Prozesse hineinbegeben, um performative Entwürfe und dialogische Formate entstehen zu lassen. Spielorte sind individuell gewählte und auch zufällige Lokalitäten im gesellschaftlichen Umfeld der Performer-Composer. Abschließend wird Stephanie Schroedter einen Einblick in ihre klangperformative Forschung geben, die Relationen von Musik und Bewegung untersucht und dabei Theorie und Praxis aneinander reibt. Leitend sind dabei die Fragen: Warum bewegen wir uns (physisch) zu Musik? Warum bewegt uns Musik (emotional)? Mehr noch: Inwiefern lässt sich Musik als Bewegung begreifen, die – unabhängig von den Musikpraktizierenden und Musikrezipierenden – über eine eigene Körperlichkeit verfügt?

Dem eher kunsttheoretischen Blick auf das Verhältnis von klanglichen und Körpervorgängen steht bei dieser 40. RJR-Tagung ein historisch inspirierter Zugriff auf das Thema Jazz als Unterhaltungsmusik und Tanz gegenüber. Jazz ist durch seine afroamerikanische Perspektive eng mit dem Tap Dance verbunden, dessen elementare Gestaltformen und Spielregeln der Erfurter Tänzer Bernhard Prodoehl und der Schlagzeuger Marcus Horn in einem getanzten Dialog demonstrieren. Anschließend erzählt die Tänzerin Darina Dimitrov im Gespräch mit dem RJR-Kollegen Arne Schumacher die bisher weitgehend unerforschte Geschichte des zunächst eher klassisch ausgerichteten MDR-Fernsehballetts. Anschließend präsentiert Bernd Hoffmann Film-Notizen zum afroamerikanischen Tanz und weist nach, wie Virtuosität und Synchronität den Stil der meisten Tap-Gruppen auszeichnen, die mit den schwarzen Big Bands der 1930er Jahre auftreten.

Stefan Hentz


Vorläufiges Tagungsprogramm

1) Ingo Reulecke (Tanz) und Simon Rose (Saxophon):
Spielregeln improvisatorischer Kreativität

2) Helmi Vent:
Improvisierte Musik in Performance

3) Stephanie Schroedter:
Warum bewegt uns Musik?

4) Tänzer Bernhard Prodoehl und Schlagzeuger Marcus Horn:
Tap Dance

5) Tänzerin Darina Dimitrov im Gespräch mit Arne Schumacher

6) Bernd Hoffmann:
Film-Notizen zum afroamerikanischen Tanz

39. Arbeitstagung in Graz (Zusammenarbeit mit dem Institut für Jazzforschung an der Kunstuniversität Graz) | Juni 2021 (geplant): Sozialgeschichte im Jazz – in Erinnerung an den Musiker und Musikwissenschaftler Ekkehard Jost

Campus der Kunstuniversität Graz | Foto: Wolfgang Hummer

Als in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Fundamente für Jazzforschung auch im deutschsprachigen Raum gelegt wurden, kam ein Grundstein in Graz, wo 1965 eines der ersten Institute in diesem Fach gegründet wurde, zu liegen und ein zweiter in Gießen, wo Ekkehard Jost (1938-2017) im Jahr 1973 zum Professor berufen wurde. Jost hatte im gleichen Jahr mit seiner Habilitationsschrift, der weltweit ersten musikwissenschaftlichen Untersuchung des „Free Jazz“, die bis dato vorherrschende musikwissenschaftliche Analyse durch sozialgeschichtliche Argumente erweitert und mit seinem Werkzeugkasten, in dem soziologische und historische Blickwinkel ebenso selbstverständlich enthalten waren wie psychologische oder physikalische, einem neuen, interdisziplinär geprägten Konzept der Musikwissenschaft jenseits des klassischen Kanons zum Durchbruch verholfen.

Bei allem Fortschritt, bei aller thematischen und methodischen Ausdifferenzierung, die das Fachgebiet Jazzforschung seither begleitet, ist Jost dem Institut seiner Grazer Kollegen bis an sein Lebensende verbunden geblieben, so verbunden, dass er bestimmte, dass sein musikwissenschaftlicher Nachlass an der Kunstuniversität Graz aufbereitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Die Feier zur offiziellen Eröffnung des Archivs ist der formale Höhepunkt, der 39. Arbeitstagung des Netzwerks Radio Jazz Research zum Thema „Sozialgeschichte im Jazz. In Erinnerung an den Musiker und Musikwissenschaftler Ekkehard Jost“ im Juni 2021 (geplant) in Graz. Zusammen mit dem Fachbereich Jazzforschung an der Kunstuniversität Graz hat Radio Jazz Research ein Tagungsprogramm zusammengestellt, das die Feier zur Archiv-Eröffnung aus unterschiedlichen Perspektiven ins Visier nimmt. Im Zentrum die kämpferische Wissenschaftler- und Musiker-Persönlichkeit Ekkehard Jost und die Musik, die er zu seiner machte: der Free Jazz. Eher persönlich geprägt ist der Ausgangspunkt des Vortrags des Gießener Journalisten Hans-Jürgen Linke, der zum Auftakt die Wirkungsmacht von Josts Schaffen in Sachen Musik, Forschung und Kulturpolitik in Gießen nachsinnt, während André Döhring, ein früherer Student und Mitarbeiter von Jost in Gießen, der heute den Fachbereich Jazzforschung an der Kunstuniversität Graz leitet, bei seiner Analyse die Wirkmacht der Forscherpersönlichkeit Jost fokussiert und der Pianist Dieter Glawischnig und der Posaunist Detlev Landeck im Gespräch mit Arne Schumacher ihre Scheinwerfer aus der Perspektive der künstlerischen Praxis auf den langjährigen Freunds und Musikerkollegen richten.

Aus philosophischer Perspektive diskutiert der Turiner Professor Alessandro Bertinetto den Begriff der ästhetischen Freiheit, den Jost in seiner Habilitationsschrift „Free Jazz“ mitentwickelt, Gerd Putschögl wendet Josts sozialhistorischen Blick auf aktuelle Tendenzen der Verbindung von Jazz und Flamenco an, während Maximilian Hendler den „Black Gospel“ auf Spuren ursprünglich katholischer, also überwiegend europäisch geprägter  Sakralmusik abklopft. Bernd Hoffmann richtet seinen Blick darauf, wie in den 1950-Jahren in außermusikalischen, journalistischen, musiktheoretischen oder fiktionalen Beiträgen zum Jazz-Diskurs in Text, Hörfunk oder Film anhand der Gegenüberstellung von Unterhaltungsfunktion und Kunstanspruch Mythologisierungen vollzogen werden.


Vorläufiges Tagungsprogramm

Begrüßung durch Prof Dr. André Doehring und Dr. Bernd Hoffmann, Vorsitzender Radio Jazz Research

Hans-Jürgen Linke (Gießen): Ekkus – Regionale Szene, internationaler Ruf: Ekkehard Jost in Gießen

 Die erste und für lange Zeit einzige Free Jazz Formation im Mittelhessischen hieß Grumpff und wurde gegründet von Ekkehard Jost. Das geschah kurz nach Antritt seiner Musiksoziologie-Professur an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Ekkehard Jost hat die Stadt Gießen nie besonders gemocht und gehörte zu den Unruhegeistern am Institut, an das er über Jahrzehnte eine bestimmte Art von Musikern lockte. Als Lehrender, als Musiker und Publizist, als monothematisch agierender lokaler Kulturpolitiker, Mitbegründer der Jazzinitiative Gießen und der Jazzakademie Hessen und als privater Mensch war er in der Stadt und an der Universität der wohl zugkräftigste Kristallisationskern der regionalen Jazz-Szene. Immer wieder hat er mit seinen Studenten Bands gegründet. In den neunziger Jahren begann er sich in kleinen Schritten aus der lokalen Szene zurückzuziehen, hatte eine feste Bands fast ohne Gießener Musiker und markierte seine Ambitionen als Jazz-Komponist unter anderem mit zwei auch politisch grundierten größeren Projekten.

André Doehring (Graz): (Bei) Jost studieren. Von der Person über die Institutionen- zur Fachgeschichte

Der Vortrag „(Bei) Jost studieren.“ hat zwei Erkenntnisziele: Zum einen wird der Teil „Bei Jost studieren“, basierend auf eigener Erfahrung und objektiviert durch eine Curriculumsanalyse Gießener Studienordnungen, untersuchen, wie sich Sozialgeschichte bei Ekkehard Jost als Forschungs-, aber auch Lehrhaltung niederschlug. Zum anderen wird der Teil „Jost studieren“, basierend auf ersten Sichtungen des in Graz angesiedelten Jost-Archivs, die Josts Eingebundensein in strukturelle, musikalische und musikpolitische Zusammenhänge des Jazz zeigen, Möglichkeiten der künftigen fachgeschichtlichen Erforschung deutschsprachiger Jazzforschung erörtern.

Alessandro Bertinetto (Turin): Free Jazz: Eine konkrete Form ästhetischer Freiheit

Der Ausdruck „Free Jazz“, der auch der Titel des unvergesslichen Buches von Ecckehard Jost ist, unterstreicht die Rolle der Freiheit in der musikalischen Praxis. Die These, dass ich in meinem Vortrag untersuchen möchte, ist, dass dieser Ausdruck den paradigmatischen Charakter suggeriert, den Improvisation für die Kunst als solche hat. Um diese These zu argumentieren, möchte ich zunächst auf die Rolle des Freiheitsbegriffs in den ästhetischen Vorstellungen der wichtigsten Vertreter der “Klassischen Deutschen Philosophie” (Kant, Fichte, Schiller und Hegel) eingehen. Es soll gezeigt werden, dass die Kantsche These vom „freien Spiel“ der kognitiven Fähigkeiten, die Fichtesche Konzeption der ästhetischen Haltung als Übergang zur transzendentalen Standpunkt, die Schillersche Identifikation von ästhetischem Schein und Freiheit und das Hegelsche Argument, wonach die Kunst den Menschen von der Sinnlichkeit im Bereich der Sinnlichkeit selbst befreiet, alle Ausdrucken einer ästhetischen Orientierung sind, wonach nicht Imitation, sondern Kreativität der authentische Kern der Kunst ist. Diese Idee sowie ihre politischen Implikationen finden sich auch in der künstlerischen Praxis der historischen Avantgarde sowie in den ästhetischen Konzepten der Kritischen Theorie wieder, die sich vor allem mit dem Verhältnis von ästhetischer Form und Kontingenz befassen. Ich werde diese Idee in Bezug auf improvisierte Musik aufgreifen. Dabei werde ich argumentieren, dass Improvisation – als künstlerische Auseinandersetzung mit Kontingenz – die konstitutive Rolle performativ darstellt, welche die ästhetische Freiheit – als dynamische Selbstentwicklung künstlerischer Formen im konkreten Verhältnis zur sozialen Wirklichkeit – fürs ästhetische Gelingen spielt.

Gerhard Putschögl (Bad Rappenau): Ekkehard Jost und die „Spanische Kultur“

Insbesondere in seiner Komposition für Jazzorchester „Cantos de Libertad“ und in seinem Artikel „Flamenco Nuevo? Stilistische Tendenzen im Flamenco der Gegenwart“ zeigt Ekkehard Jost ein lebendiges Interesse an der Musik und Kultur Spaniens. Vor allem seine kritische Sichtweise zu einem verkommerzialisierten „Pop-Flamenco“ soll hier Ausgangspunkt meiner Betrachtungen werden, die insgesamt ein Resümee der zeitgenössischen Entwicklung des Flamenco-Jazz beinhalten und die Stilcharakteristika der wichtigsten Protagonisten beleuchten.

Max Hendler (Graz): Terminologische Überlegungen zum Black Gospel

Innerhalb des „black gospel’s“ gibt es einige Phänomene, die nicht protestantisch sind, sondern auf eine ältere katholische Beeinflussung hinweisen. Wenn die Struktur von „call and response“ auseinandergenommen wird, dann erweist sich, dass wohl der weitaus größte Teil ein Responsorium ist, jedoch ein geringer Teil ein Antiphon, das spezifisch katholisch ist. Es könnte sein, dass diese Form mit Sklaven in die USA kam, die rund um 1700 von den Antillen an das nördliche Festland verkauft wurden, weil sich der Zuckeranbau nicht mehr lohnte. Ein anderes Problem ist der Begriff „shout“, der schon Mitte des 19. Jahrhunderts von Weißen im religiösen Sinn verwendet wurde, von denen kaum zu glauben ist, dass sie ihn von Afroamerikanern übernommen hätten. Damit hängt auch der „ring shout“ zusammen, der bis heute als rätselhaft gilt.

Bernd Hoffmann (Köln): Distanz-los: Schund als Strategie

Das „Unterhaltende“ zu stigmatisieren ist für den nach gesellschaftlicher Aufwertung strebenden Jazz ein entscheidendes Moment seiner Rezeption in den frühen 1950er Jahren. Wer bösartige Kommentare zur Unterhaltungsindustrie sucht, wird in Texten zum „Wesen“ des Jazz fündig. Dabei beinhaltet die definitorische Suche nach den Ursprüngen improvisierter Musik auch den Mechanismus der Abwertung (des Schlagers) zur Bestätigung und Stärkung des eigenen Kunstanspruches. Mit der Stigmatisierung des Schlagers wird die einst interne Generationenfrage des Jazz („Ist Jazz Pop-Musik?“), diskutiert in den westdeutschen Hot- und Jazzclubs, nach außen getragen. Am Beispiel des US-amerikanischen Trompeters Louis Armstrong, der 1959 in mehreren deutschsprachigen Schlagerfilmen auftritt, soll die Widersprüchlichkeit der Wahrnehmung traditioneller Jazzstile diskutiert werden. Die Dixieland-Szene, Ende der 1950er Jahre, eine für Jazz-Verhältnisse untypisch große Musik-Bewegung, übernimmt die Botschaften Armstrongs und identifiziert sich mit ihnen. Nahezu unversöhnlich das andere Extreme: die Formen und Spielweisen des Free Jazz.

Ausgehend von der HF-Sendereihe „Jazz-Geschichten aus Europa“, die Ekkehard Jost für den WDR gestaltet hat, werden Aspekte seiner Sozialgeschichte aufgegriffen und weitergeführt.

Arne Schumacher im Gespräch mit Dieter Glawischnig und Detlev Landeck: Mit Jost musizieren

Zum Abschluss der 39. Radio Jazz Research spricht der Bremer Radiojournalist Arne Schumacher mit zwei Musikern, die teilweise über Jahrzehnte den Saxophonisten Ekkehard Jost musikalisch „begleitet“ haben: Pianist Dieter Glawischnig und Posaunist Detlev Landeck.


Bildinformationen:
Campus der Kunstuniversität Graz | Foto: Wolfgang Hummer