33. Arbeitstagung in Remagen | 05. und 06. April 2018: Wildcard

33. Radio Jazz Research-Tagung

Tagungsort: Haus Humboldtstein Remagen

Der Tagungsbericht von Stefan Hentz:

„Wildcard“ – so sehr es eine schwierige Übung sein kann, die groben Gesprächslinien einer Tagung ohne vorgegebenes thematisches Zentrum nachzuverfolgen, so selbstverständlich ergaben sich bei „Wildcard“, der 33. Tagung von Radio Jazz Research am 5./6. April 2018 in Remagen-Rolandseck diskursive Schnittpunkte, die das Tagungsgespräch immer wieder strukturierten: Einer dieser Schnittpunkte war die Verbindung zwischen bestimmten Regionen und lokal vorherrschenden Spielarten von Jazz oder Jazzverwandtem. Städte sind die Orte, an denen sich die Entwicklung des Jazz abspielt, nur in Städten, größeren und kleineren und jedenfalls konkreten Städten, kann die kritische Masse an Talent, Ideen, Wagemut und Geschäftssinn entstehen, nur in Städten sind die Voraussetzungen gegeben für die eruptiven Begegnungen und Verschmelzungsprozesse, die dem Jazz bis in die Gegenwart seine lokalen Spielarten oder markanten Entwicklungssprünge bescherten. Während Andreas Eichhorn untersuchte, wie Leonard Bernstein als Komponist von Musicals wie „On the Town“ (1944) „Wonderful Town“ (1953), und der „West Side Story“ (1957) immer wieder versuchte, den Klang jener neuen Musik, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor allem auf den Tanzböden und in den eher afroamerikanisch geprägten Bezirken von New York zunehmend Aufsehen erregte, auf den weitaus populäreren Bühnen der Broadway-Theater zusätzliche Popularität zukommen zu lassen, griff Oliver Weindling mit seiner Vorführung eines Interviewfilms über die Geschichte der ersten Inkarnation von „Ronnie Scott’s Jazz Club“, des wohl bedeutendsten und dauerhaftesten Jazzclubs von London, den er mit Unterstützung von Leo Hoffmann im vergangenen Jahr mit John Jack, einem kürzlich gestorbenen Urgestein der Londoner Jazzszene und über mehr als fünf Jahrzehnte unermüdlichen Zeitzeugen realisiert hatte, in den Werkzeugkasten der klasssischen Oral History. Zugleich dokumentierte dieser Film in schöner Klarheit, wie auch dem Medium Dokumentarfilm Darstellungsgrenzen innewohnen, die bei aller Einfühlung und Ernsthaftigkeit seinen Anspruch auf Wahrhaftigkeit relativieren.

Später schweifte der Fokus der Tagung in Gerhard Putschögls Erörterung von aktuellen Ansätzen zur Verschmelzung von Jazz und Flamenco im Geiste von „Dzuende“ und 12/8-Takts in die andalusische Metropole Sevilla, und Klaus Näumann stieß in der Reggae-Szene von Minsk, der Hauptstadt der Republik Belarus, auf genau jenen subkulturellen Widerstandsgeist und den Willen zur Subversion vorherrschender ästhetischer Ausdrucksformen, die dem Jazz so häufig zugeschrieben werden.

Ein zweiter thematischer Strang der RJR-Tagung wand sich um das Verhältnis von Jazz zu den Medien, in denen er an die Öffentlichkeit tritt: Willem Strank untersuchte die funktionalen Felder zwischen historisierendem Re-Enactment und kreativer Neukalibrierung,  die jazzgemäß improvisierte Musik im Verlauf der Filmgeschichte als musikalisches Begleitmaterial zu Stummfilmen öffnet, während Bernd Hoffmann in seinen Betrachtungen über die SWF-TV-Sendereihe „Jazz gehört und gesehen“ nachverfolgt, wie sich gegen Ende der 1950er-Jahre das Verhältnis zwischen „professionellen“ Jazzmusikern und den in der Nachkriegszeit zunächst hochgeschätzten, engagierten „Amateuren“ in Richtung einer – von Seiten der „Profis“ erbittert geführten – Auseinandersetzung um den Zugang zu den raren Fördertöpfen verschob, während umgekehrt die publizistischen Unterstützer eines als „authentisch“ verklärten Amateurismus in ihrer Verdammung der Professionalisierung des Jazz und der damit verbundenen stilistischen Fortentwicklung nicht mit rassistischen Klischees sparten.

Höhepunkt der Tagung, in dem auf zauberhafte Art und Weise, die verschiedenen Fäden zueinander fanden, war schließlich das Podiumsgespräch zum Thema „Fortschritte – Rückschritte. Perspektiven im deutschen Jazz“, in dem Arne Schumacher als Moderator den Stand der Dinge in Sachen Jazz in Deutschland in den sehr unterschiedlichen Perspektiven der Bassistin und Komponistin Hendrika Entzian, von Stefanie Marcus, die seit mehr als fünfundzwanzig Jahren das wagemutige Berliner Label „Traumton“ betreibt und von Lena Jeckel, der künstlerischen Leiterin des Bielefelder Clubs Bunker Ulmenwall, dreidimensional auffächerte. Allein das Geflecht der Berührungspunkte zwischen Labelchefin, einer der vielen von ihr vertretenen Musikerinnen und der Bookerin eines der renommiertesten Jazzclubs in Deutschland, die wiederum viele der KünstlerInnen des Traumton-Labels und auch die Bassistin Hendrika Entzian gerne und häufig engagiert ist ein Zeichen für die fortschreitende Vernetzung in der Szene, die nach der Wirkungsweise kurzer Kommunikationswege Zusammenarbeiten ermöglichen kann, die so vielleicht einige Jahrzehnte zuvor noch nicht denkbar gewesen wären. Dabei verwahrten sich die drei Frauen auf dem Podium (vielleicht etwas vorschnell, aus der Position derjenigen, für die ihr Geschlecht in diesem Business nie ein Hindernis dargestellt habe) dagegen, den Umstand, dass hier drei Frauen nebeneinander auf dem Podium saßen, in eine Quotendiskussion umzumünzen. So wollen sie nicht wahrgenommen werden, wer würde das auch wollen. Unisono begrüßten sie dagegen das Entstehen neuer Förderwege für den Jazz, seine ProtagonistInnen und die OrganisatorInnen im Vor- und Umfeld. Allerdings, so unterstrich die Bielefelder Clubleiterin Lena Jeckel, seien neue Förderideen sehr häufig einseitig auf die urbanen Zentren gezielt, auf Berlin beispielsweise oder – für ihren Arbeitsbereich entscheidender – auf Köln. Und so sehr sie auch das Engagement der nachwachsenden Musikergenerationen aus Köln im Bereich der Session-Arbeit des Bunker begrüßt, dort also, wo Musiker nichts verdienen und Clubs nur draufzahlen, muss sie doch beklagen, dass die vergrößerten Fördertöpfe für die überregional zielenden Veranstaltungsangebote keinen Trickle-Down-Effekt für die regionale Basisarbeit erzeugen. In Bielefeld und all den anderen kleineren, urbanen Zentren, so lässt sich schlussfolgern, hat sich offenbar nichts gebessert. Es bleibt noch viel zu tun.

 

Das Tagungsprogramm:

Donnerstag, 05.04.2018: 15.00 Uhr – 20.00 Uhr

15:00 Uhr        Begrüßung

15:15 Uhr        Willem Strank:
Die Rolle des Jazz bei der Vertonung von Stummfilmen

Der Vortrag befasst sich mit der ad-hoc-Begleitung von Stummfilmen, der
tatsächlichen Performance-Situation eines Stummfilm-Pianisten im
Gegensatz zum Vertonungsprozess für Speichermedien. Nach einigen kurzen
allgemeinen Anmerkungen zur Begleitung von Stummfilmen in ihrer
klassischen Praxis (1895-1930) und zur Rolle des Jazz im Repertoire
dieser Zeit geht es vor allem um die zeitgenössische Praxis der
Stummfilmbegleitung und den Stellenwert, den Jazz bzw. jazz-artige
Spieltechniken dabei einnimmt bzw. einnehmen können. Dies geschieht aus
der Perspektive eines Stummfilmbegleiters, es geht also um den Prozess
der Lösung von ‚Problemen‘, die das filmische Material präsentiert und
wie diesen begegnet werden kann.

15:45 Uhr        Diskussion

16:00 Uhr        Pause

16:15 Uhr        Andreas Eichhorn:
New York – Facetten bei Leonard Bernstein. Ein musikalischer Streifzug
Leonard Bernstein, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum hundertsten Male jährt, war zeitlebens mit der Stadt New York eng verbunden. Er hat sie nicht nur als Schauplatz dreier Broadway-Shows gewählt, die auch seine erfolgreichsten waren, sondern auch in anderen Werken thematisiert. Das von Bernstein entworfene New York-Bild ist musikalisch so facettenreich wie die Stadt selbst. Seine ambitionierte Musik, die die Musical-Komposition auf ein neues Niveau hob, zeichnet sich durch große Vielfalt hinsichtlich der Genres, Stile und Formen aus und ist vor allem deswegen so lebendig, weil es Bernstein gelungen ist, sie zum identifikatorischen Ausdruck eines Lebensgefühls zu machen (Giselher Schubert).

16:45 Uhr        Diskussion

17:00 Uhr        Arne Schumacher im Gespräch mit Stefanie Marcus, Lena Jeckel und Hendrika Entzian:
Fortschritte – Rückschritte. Perspektiven im deutschen Jazz
Der Fortschritt, sagt man, ist eine Schnecke. Oder vielmehr: ein Krebs. Die Vorstellung zumindest, dass sich die Dinge, die Kunst, Musik, die sozialen und zivilisatorischen Verhältnisse- langsam zwar – nach vorne zum Besseren bewege und immer weiter nach vorne, lässt sich schon lange nicht mehr halten. Der Fortschritt weicht aus, links, rechts, oder geht rasch ein, zwei Schritte zurück, bevor dann wieder einige Schritte voran folgen. Und was in vielen Fragen und Bereichen und im Allgemeinen zu gelten scheint, das gilt auch im Jazz.  –> Weiterlesen

17:30 Uhr        Diskussion

18:00 Uhr        Abendessen

20:00 Uhr        Mitgliederversammlung

20:30 Uhr        KurzfilmJohn Jack – ‚I improvised’“:
This is a short film by Oliver Weindling, put together with Leo Hoffmann, based on an extensive interview with John Jack, made with him in August 2017, just before he died at the age of 83. John Jack was a ‚Zelig‘ of the London jazz scene, starting around Soho from the 1950s onwards, especially managing Ronnie Scott’s Old Place, where he encouraged the new developments in the mid 1960s, with the likes of Mike Westbrook, John Surman, and the arrival of the Blue Notes from South Africa. He then started Cadillac Records, which distributed music ranging from dixieland through to Evan Parker and working closely with Hazel Miller of Ogun Records.

 

Freitag, 06.04.2018: 10.00 Uhr – 13.00 Uhr

09:30 Uhr        Gerhard Putschögl:
Zeitgenössische Stilentwicklungen: Jazz & Flamenco – Fusión
Das Zusammenwirken von Elementen des Jazz und der Flamencotradition brachte im Spanien der letzten 40 Jahre neue unverwechselbare Stilkreationen hervor. In diesem Vortrag werden sowohl die Entstehungszusammenhänge dieser unter dem Terminus „Flamenco Jazz“ subsumierten Stilformen wie auch kennzeichnende musikalische Merkmale derselben dargelegt. Dies geschieht im Wesentlichen anhand von beispielhaften Aufnahmen stilbildender Protagonisten.

10:00 Uhr        Diskussion

10:15 Uhr        Pause

10:30 Uhr        Bernd Hoffmann:
Der Amateur – Anmerkungen zur SWF-TV-Sendereihe „Jazz gehört und gesehen“
Die stark anwachsende mediale Präsentation des Jazz bestimmt die westdeutsche Geschichte dieser Musik während den 1950er Jahren: Immer neue Hörfunkreihen entstehen an öffentlich rechtlichen Rundfunkstationen (ARD), 1955 folgt dann die erste Sendereihe im Fernsehen, produziert vom Südwestfunk Baden-Baden. Ihr Moderator (und Produzent) ist der Hörfunk-Jazzredakteur Joachim Ernst Berendt. Mehrere Sendungen werden pro Jahr ausgestrahlt, bis 1974 werden es 85 Folgen sein.
Die Abbildung der westdeutschen Amateur-Jazz-Szene wird in sieben Folgen (1956-61) dieser Sendereihe thematisiert, sie portraitiert und veranschaulicht eine Laienmusik-Bewegung, die gegen Ende des Jahrzehnts geschätzte 50.000 Mitglieder in der Bundesrepublik zählt. Ausgangspunkt jeder Ausgabe ist das jährlich stattfindende Deutsche Amateur Jazz Festival in Düsseldorf, das die besten Amateur-Jazzer in den Kategorien Traditional und Modern sucht. Nach den Konzerten in Düsseldorf werden die dort ermittelten Gewinner in Studiokonzerten des Fernsehen in speziellen Besetzungen dokumentiert.
Diese Sendereihe bietet verschiedene Aspekte: Sie zeigt erste visuelle Konzepte „Jazz“ im westdeutschen Fernsehen zu „sehen“ (und zu „hören“). Sie präsentiert den Amateur in einer aufwendigen Filmsprache und interpretiert – als gesellschaftliche Aufwertungsstrategie – diesen Laienmusik-Gedanken in Richtung einer neuen Ernsten Musik.

11:00 Uhr        Diskussion

11:15 Uhr        Klaus Näumann:
A case of glocalization: Reggae in Belarus
Since the 1950s in countries of Eastern Europe (belonging to the Warsaw Pact) there exists (Western) popular music. Whereas in the beginning it was limited mostly to imitations of Western idols (Beatles, Elvis Presley, Bill Haley) in the 1970s and especially the 1980s specific versions of pop, rock and punk music developed, which more and more included local languages containing lyrics with strong connections to country-specific contexts. After the end of the Warsaw Pact (1989-1992) additional idioms of international popular music were taken up by Eastern European bands. One particular favorite style is reggae music. Besides various eastern European countries (Russia, Poland etc.) reggae music is played also by Belarusian bands that perform their songs either in the Russian or in the Belarusian language. The focus of my presentation is on the growing importance of reggae music in Eastern Europe in general and in Belarus in particular. This will be done by presenting certain bands, their songs, lyrics and the adaptation or glocalization of reggae music and Rastafarian ideas to „Belarusian life“, which of course differs in many respects from Jamaica.

11:45 Uhr        Diskussion

12:30 Uhr        Mittagessen


Foto: GFreihalter via Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

32. Arbeitstagung in Mannheim | 26. und 27. Oktober 2017

Die Teilnehmenden der 32. Radio Jazz Research-Tagung in Mannheim (26./27.10.2017). V.l.n.r.: Hans Jürgen Wulff, Felix Zimmermann, Arne Schumacher, Jörg Heyd, Thomas Olender, Odilo Clausnitzer, Lena Jeckel, Paul Zauner, Bert Noglik, Michael Rüsenberg, Günther Huesmann, Oliver Weindling, Bernd Hoffmann, Jürgen Arndt, Katharina Weissenbacher, Thomas Mau, Sebastian Scotney, Barbara Schnorbach

32. Radio Jazz Research-Tagung: „Eisgekühlter Hot – Jazz in den Medien der 1950er Jahre“

Tagungsprogramm

Donnerstag, 26.10.2017: 14.00 Uhr – 18.00 Uhr

14:00 Uhr  Begrüßung
14:15 Uhr  Katharina Weissenbacher
Anfänge des Jazz in der DDR

Dann war es mal erlaubt, dann war es wieder verboten.
Joachim Kühn, 2014

Jazz galt nach der Gründung der DDR (1949) als verpönt, der „American Way of Life“ wurde abgelehnt und dennoch gelang es, den Jazzfans und Jazzmusikern in der DDR, eine Szene aufzubauen: es entstanden sogenannte Interessensgruppen Jazz (IG Jazz) und erste Jazzclubs, Jazzfans reisten nach Westberlin, um Konzerte zu besuchen, „Schallplatten-Schmuggelaktionen“ wurden ins Leben gerufen.
Der Vortrag gibt Einblicke in das Jazzgeschehen in der DDR und dokumentiert insbesondere die Aktion „Jazzbrücke“. Die Forschungsarbeit basiert auf Oral History, Stasi-Akten zum Thema „Jazz in der DDR“ und Sekundärliteratur.

14:45 Uhr   Diskussion
15:00 Uhr  Felix Zimmermann
„Vom Lebensweg des Jazz“ (1956) – DDR-Kulturpolitik im Spiegel eines DEFA-Dokumentarfilms

40 Minuten sollte die DEFA-Produktion „Vom Lebensweg des Jazz“ ursprünglich lang sein. Der Film, der schlussendlich im August 1956 Premiere feierte, war weit von dieser ursprünglichen Idee entfernt: Ein „mit vulgärmaterialistischen Versatzstücken durchsetzte[r] Kommentar“ (Thomas Heimann, 2000) von fast 19 Minuten Länge war entstanden, der trotz oder gerade wegen rigoroser Eingriffe in seine Produktion einen erheblichen Quellenwert aufweist.
Der Vortrag spürt einer vom Blockkonflikt geprägten Rhetorik nach, die der Produktion eigen ist, und identifiziert so eine kulturpolitischen Argumentationslinie der 1950er-Jahre, die den Jazz zur ideologisierten Waffe macht.

15:30 Uhr  Diskussion
15:45 Uhr  Pause
16:15 Uhr  Barbara Schnorbach
Ella Fitzgeralds „Gershwin Song Book“ von 1959 als vielseitiges Konzeptalbum

Mit ihrer LP-Box sprengt Fitzgerald den bisherigen Rahmen von Langspielplattenveröffentlichungen: Ganze fünf LPs mit über 50 Gershwin-Songs, die sie zusammen mit dem Nelson Riddle Orchestra interpretiert, umfasst das Werk. Doch damit nicht genug! Ein gebundenes Buch zu den Songs vom Gershwin-Biographen Lawrence Stewart, fünf Gemälde Bernard Buffets, sowie eine EP mit orchestral arrangierten Gershwin-Kompositionen machen die LP-Box zu einem multimedialen Ereignis.

16:45 Uhr   Diskussion
17:00 Uhr  Hans-Jürgen Wulff
Das Populäre im Dissens: Der Kampf der Musikstile im deutschen Kino der 1950er

Populäre Musik – sei es als Tanz- oder Festmusik, als Musik zum Mitsingen oder Schunkeln, als Musik zum Selbermachen, als Teilnahme am Konzert oder als Schwärmerei für Lied und Sänger oder Sängerin – ist im 20. Jahrhundert nie homogen, sondern ein Feld nicht nur verschiedener, sondern auch konkurrierender Stile. Sie dient als Musik der Unterhaltung, aber auch als symbolischer Mittel innergesellschaftlicher Differenzierung. Zur Liebe zu gewissen Stilen gehört die Vermeidung oder sogar Verachtung und Abwehr anderer. Wie andere kulturelle Objekte auch machen Musiken den einzelnen anderen gegenüber kenntlich.
Zu den Agenturen, die Musiken verschiedener Stile kursieren lassen, gehören neben den Festen und ihren Musikern und den Life-Konzerten auch die Medien – Radio und Kino, später vermehrt das Fernsehen, die Schallplatte. Sie sind die Motoren der Erneuerung und Wiederauffrischung, der Eingewöhnung in Hören und (tänzerischem) Bewegen, Anlass für Fan-Kulturen und eine ganze Presse- und Buchkultur, die Musik und Akteure dem Publikum zugänglich machen. Ein solches Medium ist der Musik-, insbesondere Schlagerfilm, der in der Kultur der populären Musiken der BRD von 1950 bis in die Mitte der 1960er Massenpublika anzog und aus den Verwertungsketten der Musikindustrie nicht wegzudenken ist. Anders als in anderen nationalen Popularmusikkulturen steht hier die Gleichzeitigkeit und Gleichberechtigung der Stile im Zentrum, nicht deren differentielles Potential. Darum wie auch um die formalen Strategien der Musikdarbietung in Filmen der Zeit soll es gehen.

17:30 Uhr  Diskussion
19:00 Uhr   Abendessen

Freitag, 27.10.2017: 9.30 Uhr – 12.30 Uhr

9:30 Uhr  Bert Noglik
Aus den Katakomben ins Stadion – die Jazzfestivals in Sopot 1956/57
Jazzentwicklung und Kulturpolitik im kommunistisch regierten Polen

Die Polnischen Jazzfestivals von 1956 und 1957 in Sopot markieren den Aufbruch der polnischen Jazzszene, die sich zu einer der führenden im Ostblock profilierte und internationale Anerkennung fand.
Mit dem 1. Polnischen Jazzfestival 1956 trat Jazz in Pole signifikant aus dem Dunstkreis der Illegalität an die Öffentlichkeit. In den Jahren seit 1949 war diese Musik von der restriktiven stalinistischen Kulturpolitik in den Untergrund abgedrängt worden. Die Zeit, während derer Jazz nur privat in Wohnungen oder Kellern gespielt werden konnte, hat man als die „Katakomben-Ära“ des polnischen Jazz bezeichnet.
Während Staat und Partei in der DDR keine Diskussion über die Fehler des Stalinismus zuließen, begann in Polen nach Stalins Tod (1953) ein langsames „Tauwetter“, das eine Abkehr von der Doktrin des „sozialistischen Realismus“ und eine Öffnung für die künstlerischen Ausdrucksformen der Moderne und der Avantgarde ermöglichte.
Es erscheint bezeichnend, dass beim 1. Polnischen Jazzfestival in Sopot eine polnische Band auftrat, die sich als erste in Polen am amerikanischen Modern Jazz orientierte und nach einem eigenen Ausdruck suchte: das Sextett um den Pianisten Krzyszof Komeda.
Das 2. Polnische Jazzfestival 1957 in Sopot bedeutete zugleich den Beginn deutsch-polnischer Kulturbeziehungen nach den Jahren des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges. Eine von Werner Wunderlich geleitete Delegation deutscher Jazzmusiker, u.a. mit Emil und Albert Mangelsdoff sowie Joki Freund, wurde vom polnischen Publikum wie auch von den polnischen Musikern enthusiastisch gefeiert.

Da Referat spricht u.a. die Fragen an
– wie sich Jazz im kommunistisch regierten Polen unabhängig von ideologischer Reglementierung, aber integriert in offizielle Strukturen entwickeln konnte
– wie sich die Konnotationen des Oppositionellen in diesem Prozess abnutzten oder erneuert werden konnten
– wie die Festivals 1956 und 1957 in Sopot zu einem neuen Selbstverständnis polnischer Kultur beigetragen haben

10:00 Uhr  Diskussion
10:15 Uhr  Pause
10:45 Uhr  Jürgen Arndt
„Jazz und alte Musik“ (1955-1958) – Mediale Kontexte eines Vortragsabends (Berendt, Tröller, Lauth)

Unter dem Titel „Jazz und alte Musik“ brachte Joachim-Ernst Berendt zusammen mit dem Musikhistoriker Josef Tröller auf Anregung und unter Mitwirkung des Pianisten und Komponisten Wolfgang Lauth einen Vortrags- und Konzertabend auf den Weg, mit dem die Beteiligten von 1955 bis 1958 erfolgreich in der damaligen Bundesrepublik unterwegs waren. Die ausgezeichnete, medial vielfältige Quellenlage erlaubt nicht nur eine eingehende jazzhistorische Untersuchung zu Inhalt und Durchführung der Veranstaltung, sondern legt zugleich nahe, dass wir es hier mit einer nach und nach – vor allem im Zusammenspiel von Berendt und Lauth – entstandenen intermedialen Inszenierung zu tun haben.

11:15 Uhr  Diskussion
11:30 Uhr  Bernd Hoffmann im Gespräch mit Günther Huesmann
Joachim Ernst Berendt und der Südwestfunk in den 1950er Jahren

Der ehemalige SWF-Jazzredakteur Joachim-Ernst Berendt hat das Bild, das sich Generationen von Menschen in Nachkriegs-Deutschland vom Jazz machten, geprägt wie kein anderer. Was waren seine Motive? Was seine Ziele? Und warum konnte der Rundfunk-, Fernseh- und Buchautor, Festivalmacher und Plattenproduzent so prägend werden?

12:00 Uhr  Diskussion
13:00 Uhr  Mittagessen


Foto: Die Teilnehmenden der 32. Radio Jazz Research-Tagung in Mannheim (26./27.10.2017). V.l.n.r.: Hans Jürgen Wulff, Felix Zimmermann, Arne Schumacher, Jörg Heyd, Thomas Olender, Odilo Clausnitzer, Lena Jeckel, Paul Zauner, Bert Noglik, Michael Rüsenberg, Günther Huesmann, Constantin Sieg (verdeckt), Oliver Weindling, Bernd Hoffmann, Jürgen Arndt, Katharina Weissenbacher, Thomas Mau, Sebastian Scotney, Barbara Schnorbach