13. Arbeitstagung in Remagen-Rolandseck | 28. und 29. Januar 2010

13. Arbeitstagung, 28. bis 29. Januar 2010 in Remagen-Rolandseck

Jazz & Business

Jazz und Business? Für hartnäckige Puristen und unverbesserliche Romantiker zwei vermeintliche Gegensätze, die Unvereinbarkeit von Himmel und Hölle. Das Image des Underdogs mit Elite-Bewusstsein lässt sie das Selbstmitleid pflegen und ein bittersüßes Klagelied anstimmen: den Randgruppen-Blues. Das Wort „Markt“ mögen sie im Glauben, nicht Teil desselben zu sein, noch geflissentlich überhören. Beim Wort „Vermarktung“ stimmen sie aber ein Requiem an: die Ballade vom Abschied von der Freiheit, also known as JAZZ.

Das Tagungsprogramm

  • Stefan Hentz Die Elbe ruft, der Jazz geht unter? Zur Hamburger Situation zwischen Kultur und Event
  • Arndt Weidler Deutscher Jazz fürs Ausland? „Exporthilfe“ durch das German Jazz Meeting
  • Reiner Michalke & Hans-Jürgen Linke Eine Perspektivverschiebung? Jazz im deutschen Feuilleton
  • Volker Dueck & Martin Laurentius The Next Generation Of Young German Jazz. Was das Jazzbusiness der Szene zurückgibt
  • Matthias Winckelmann & Nils Wülker Big Business? Small Business? Enja Records & Ear Treat Music
  • Paul Zauner Improvisierte Musik als „Kultur-Finanz-Faktor“? Die Vergabepraxis der nationalen Stiftungen (Initiative Musik & Bundeskulturstiftung)

Die Elbe ruft, der Jazz geht unter?

Hamburg & Business ist alles andere als ein Widerspruch. Eine Hansestadt mit großer Handelstradition, derzeit bemüht, ihr kulturelles Image aufzupolieren – hin zu einer chicen, Lifestyle-orientierten Metropole. Die Strategen der Hamburg Marketing GmbH wollen HH als Marke etablieren. Mehr Schein als Sein, monieren die Kritiker. Jüngst schlossen sich Künstler der Stadt zu einem Bündnis zusammen, um zu protestieren: gegen geplante Kürzungen im Kulturetat und gegen die Vermarktung eines hanseatischen Hochglanzimages ohne störende Schönheitsflecken. Ein neues, privat initiiertes Projekt im Spannungsfeld „zwischen Kultur und Event“ ist Elb-Jazz, mitten in die neu gestaltete Hafenstadt platziert: ein Ende Mai erstmals über zehn Bühnen gehendes Festival. Das Ziel: die kulturelle Belebung des Investorenraums Hamburger Hafen. Eine Veranstaltung, die sich an Jazzfreunde, aber auch an Touristen wendet und mit dem Reiz ungewöhnlicher locations lockt. Eine privatwirtschaftlich finanzierte Initiative, von der abzuwarten ist, wie sehr sie die eigene Szene mit einbindet. Man wird sehen. Und hören. Derweil tummeln sich Hamburger Jazzbands an der Waterkant ungleich wärmerer Gewässer, beim Jazzfestival in Dubai…

Deutscher Jazz fürs Ausland? „Exporthilfe“ durch das German Jazz Meeting

Mit Dubai hat Oslo klimatisch wenig gemein, wohl aber das gewinnbringende Glück des Öls. Wovon bisweilen selbst der Jazz profitiert. „That’s it! Enough! No more Norwegians!“, so der nach Remagen überlieferte Ausruf eines langsam an der nordischen Omnipräsenz verzweifelnden Besuchers des London Jazz Festivals. Angesichts des „gut geölten“ Exportsystems der Norweger kommt schnell das Schlagwort vom „Standortnachteil Deutschland“ auf. Auch Schweden, die Niederlande und Frankreich scheinen weiter im Bemühen zu sein, ihren Kreativkräften ausländische Märkte zu erschließen. In dieser Hinsicht aufzuschließen, ist Grundgedanke des 2006 ins Leben gerufenen German Jazz Meeting, einer im Zweijahresrhythmus stattfindenden Art nationaler Leistungsschau, bei der sich Bands mit zwanzigminütigen Kurzauftritten internationalen Festivalleitern und Veranstaltern präsentieren. Auch wenn aussagekräftige Ergebnisse über die Effizienz noch nicht vorliegen, so lässt sich feststellen, dass mittlerweile insbesondere jüngere Jazzmusiker aus hiesigen Breiten im Ausland mehr als zuvor wahrgenommen werden. Improvisatoren, die zudem offener für Marketing-Maßnahmen sind als die ältere Generation und die Scheu vor Öffentlichkeits-orientierter Selbstdarstellung abgelegt haben. Der langjährige Exportweltmeister Deutschland hat sich mit der Ausfuhr seines jazzmusikalischen Guts ebenso lange schwer getan. Doch es tut und bewegt sich was. German Jazz Meeting und Goethe sei dank.

Eine Perspektivverschiebung? Jazz im deutschen Feuilleton

Der in den letzten Jahren vollzogene quantitative und qualitative Aufschwung der hiesigen Szene ist unüberhörbar – indes, kaum „lesbar“. Im Blätterwald der Feuilletons taucht Jazz immer seltener auf, verdrängt vor allem vom Pop. Visuelle, weltanschauliche und (pseudo)soziologische Aspekte anstelle von musikalischen Analysen und Beleuchtungen. Jazz-Rezensionen: ein Format vom Aussterben bedroht. Neben (Zeilen-)Platzhirschen wie Oper und Neue Musik bevölkern die A- bis C-Prominenz der Stars und Sternchen des Pop, aber auch kultige Indie-Rockbands wie Vampire Weekend die Kulturseiten Eine Präsenz, die aus dem jazzenden Lager allenfalls – wenn überhaupt noch – dem guten (& bösen) alten Keith Jarrett zuteil wird. Popjournalisten wittern wachsende Freiräume für ihr botschaftsschwangeres Sendungsbewusststein. Jazzjournalisten ziehen die ökonomisch reizvollere Rundfunkarbeit vor, Feuilletonisten mit Jazz-Expertise werden immer rarer. Jazz scheint „nicht mehr Teil des Kultur-Kanons“ (Michael Rüsenberg) zu sein. Improvisiertes als Thema ist mehr denn je abhängig vom Interesse und Durchsetzungsvermögen einzelner Redakteure. Les Feuille(ton)s Mortes? Ein Blick ins benachbarte Ausland zeigt, dass für den Jazz nicht nur hierzulande die Kultur-Blätter verwelken. Ausnahme, wieder einmal: Norwegen…

The Next Generation Of Young German Jazz.

Bei den Fachzeitschriften sieht die Situation anders aus. Naturgemäß, möchte man meinen. Doch die aktuelle Lage in Frankreich, Italien und Österreich offenbart, wie wenig auch dieses Segment vor Einschnitten gefeit ist. Die Zahl der Abonnenten in Deutschland erweist sich demgegenüber als vergleichsweise stabil. In den Magazinen spiegelt sich nicht nur die einbrechende Hegemonie der Amerikaner und ein steigendes Selbstbewusstsein des europäischen Jazz, sondern auch das Wachstum der deutschen Szene. Jazz thing hat ihr u.a. mit „Homegrown“ eine eigene Kolumne gewidmet. Eine weitere Initiative ist die in Zusammenarbeit mit dem Label Double Moon Records entstandene CD-Reihe „Jazz thing Next Generation“: Junge Formationen aus dem deutschsprachigen Raum können hier ihr Debüt veröffentlichen und erhalten als Starthilfe für ihre Karriere einen Vertrag für ein (erstes) Album. Inzwischen ist daraus eine 31 Produktionen umfassende Serie geworden, die sich nach zu erwartenden Anfangschwierigkeiten „mittlerweile gut trägt“, so Volker Dueck von Double Moon Records. Dass mittlerweile zwei Drittel der Bewerbungen (Volker Dueck: „Einsendungen, die durchweg innovativer sind“) aus Berlin kommen, macht deutlich, wie sehr die Hauptstadt auch in jazzmusikalischer Hinsicht zum Epizentrum avanciert.

Big Business? Small Business?

Auch wenn das ökonomische Wagnis einer Debütreihe sich mehr oder weniger gut trägt, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Krise der Musikindustrie alles andere als überwunden ist. Im Gegenteil: „Der CD-Markt ist kollabiert“ (Dueck). (Legale) Downloads machen gerade einmal zehn bis zwölf Prozent des Umsatzes aus. Der Fachhandel droht gänzlich zu verschwinden, Fachgeschäfte mit Beratung lassen sich längst an einer Hand abzählen. Wie andere Firmen auch, so hat enja Records die Anzahl der Produktionen von einstmals 35 auf 15 pro Jahr reduziert. Wenn es einen Bereich gibt, in dem sich die Verkaufszahlen in letzter Zeit erhöht haben, dann im Rahmen von Konzerten. Ebenfalls nimmt die Zahl der Eigenverlage und Musikerlabel zu. Der Trompeter Nils Wülker hat als erster deutscher Musiker, der bei SONY unter Vertrag stand, den Schritt von einer Major Company hin zur Eigenvermarktung vollzogen. Und das mit Erfolg. Seine auf Ear Treat Music veröffentlichten Alben verkaufen sich „mittlerweile besser als zu Sony-Zeiten“, sagt Wülker. Jazzmusiker müssen eben auch in Überlebensfragen kreativ sein.

Improvisierte Musik als „Kultur-Finanz-Faktor“?

Eigeninitiative ist gefragt. „Man muss brennen, dann kann man die Musik auch verkaufen“, sagt Paul Zauner, Labelchef, Musiker, Veranstalter und Netzwerker, erfahren im Aufspüren und Umgang mit öffentlichen Geldern und Fördermitteln. Das Wissen um die Möglichkeiten, die sich durch Institutionen wie die Bundeskulturstiftung ergeben, durch das Förderprojekt für Zeitgenössische Musik, das Netzwerk Neue Musik oder das Fördermodell Initiative Musik, ist eines. Etwas anderes, sie für sich nutzen zu können. Da ist nicht nur ein bürokratisches Know-How vonnöten, das dem einer Behörde gleichkommt, sondern einmal mehr Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen. Auch und gerade gegenüber der Subventions-verwöhnten Neuen Musik und ihren Lobbyisten, im Vergleich zu den „verträumten Jazzern ungleich aggressiver in ihrer Akquise“ (Zauner).Neben vielen neuen Erkenntnissen hat Jazz & Business eine Binsenweisheit bekräftigt, die „so alt wie der Jazz“ (Ekkehard Jost) ist: Vieles, wenn nicht Alles hängt an der Initiative Einzelner, am Engagement von „Verrückten, die brennen“. So gilt die Losung – wie schon immer und jetzt erst recht: Packen wir’s an! „JAZZ WE CAN!“ lautete noch das zeitgeistige Motto beim JazzFest Berlin 2008 kurz nach der Wahl Obamas. Wir wär’s mit dem Slogan Spitzhacken-bewaffneter Straßenarbeiter in (dem jazzmusikalisch so lukrativen Markt von) Japan, die da rufen: „ENJA! ENJA!“ – „Hauruck! Hauruck!“

12. Arbeitstagung in Blankenberg/Hennef | 17. und 18. September 2009

12. Arbeitstagung, 17. bis 18. September 2009 in Blankenberg/Hennef

Jazz in England

Die englische Jazzszene gilt nicht erst seit den 1980er Jahren als besonders kreativ und teilweise skurril. Der Gedanke einer europäischen Improvisationsmusik lässt sich vor allem an einer Gruppe wie den Loose Tubes festmachen, denen es überzeugend gelang, die verschiedenen Traditionen des Jazz miteinander in Einklang zu bringen. Dieser Länderschwerpunkt wurde von drei Autoren bewältigt, die zu den ausgewiesenen Kennern des Jazz in England zählen: der Musikjournalist Selwyn Harris, der Jazzforscher Stuart Nicholson und der Jazzclub-Programmgestalter Oliver Weindling.

Das Tagungsprogramm

  • Max Hendler & Ekkehard Jost Zur Geschichtsschreibung der frühen Jazzstile. Max Hendler im Gespräch mit Ekkehard Jost
  • Stuart Nicholson Old Days, Old Bands. British Jazz 1919 – 1945
  • Michael Rüsenberg The Drummer writes back! Anmerkungen zu Bill Brufords „The Autobiography“
  • Stuart Nicholson The Flowering of European Jazz. British Jazz 1945 – 1975
  • Selwyn Harris The Post-Loose-Tubes-Era. British Jazz since 1985
  • Oliver Weindling British Jazz Musicians in 2009. How they survive, how they are heard

11. Arbeitstagung in Linz | 17. bis 20. Juni 2009

Jazz und Film

Die Mitglieder vom Radio Jazz Research e.V. treffen sich mit Filmwissenschaftlern und weiteren Gästen, um am 17. und 20. Juni über das Thema „Jazz und Film“ zu diskutieren – in der Kulturhauptstadt 2009, Linz in Oberösterreich.

Das Tagungsprogramm:

  • Selwyn Harris Jazz and his shifting role in Contemporary Cinema
  • Stuart Nicholson Voices from Europe. Jazz and Cinema
  • Lisa Gotto Trans-Formieren. Zum Verhältnis von Bild und Ton in „The Jazz Singer“ (USA 1927)
  • Franziska Buhre Verkörperte Korrespondenzen: Jazz-Tänze zwischen Josephine Baker und Thelonious Monk
  • Werner Wittersheim „Immer nur lächeln, immer betrübt?“ Anmerkungen zu „High Society“ (USA 1956)
  • Franz Krieger Von der sinnlichen Erweiterung zur Erweiterung der Sinne. Gedanken zu Jazz, Film und musikalischer Analyse
  • Bernd Hoffmann Way upon the Suwannee River. Jazz-Adaptionen im frühen experimentellen Tonfilm der USA
  • Claudio Puntin Bewegte Klänge. Improvisierte Musik zum Film des Regisseurs Kit Hung: „Soundless Wind Chimes“ (Hong Kong, Schweiz 2009)
  • Niels Klein Symmetriaden – Jazzkompositorische Umsetzung von grafischen Formen
  • Christoph Czech Filmmusik ohne Film

Die Visualisierung der populären Musik bietet zunehmend Jazzmusikern Platz auf der Leinwand. Ob in historischen Band-Dokumenten oder aktuellen Konzerteinspielungen, in Schwarz-Weiß oder Farbe, das bewegte Leben des Jazz zeigt sich heute vor allem mittels DVD. Es ist ein Bild-Repertoire, das stetig anwächst und der Kultur- und Filmwissenschaft neue Quellen erschließt. Den „swingenden“ Bildern auf der Spur sind die Teilnehmer dieser Radio Jazz Research-Tagung, die ganz unterschiedliche Themen zu „Jazz und Film“ präsentiert: Neben „Short Movie“-Formaten der späten 1920er und ’30er Jahre wird die Hilfestellung visueller Quellen bei der Transkription improvisatorischer Strukturen diskutiert, zudem die Ideengeschichte der „Jazz“-Spielfilme skizziert.

Als Begleitprogramm zur Tagung „Jazz und Film“ werden historische und aktuelle Jazz-Filme gezeigt. Nach der Tagung gibt es am 19. und 20. Juni im Linzer Jazzclub Cheese ein Konzertprogramm: u.a. mit dem Fritz Pauer Trio und eine deutsch-französische Formation um die beiden Saxofonisten Niels Klein und Stéphane Guillaume.Partner: Kulturradio des Westdeutschen Rundfunks, WDR 3 & Kulturhauptstadt 2009 Linz

10. Arbeitstagung in Graz (in Kooperation mit dem Institut für Jazzforschung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz und der Internationalen Gesellschaft für Jazzforschung) | 15. bis 17. Mai 2009

Im Jahre 1969 wurde die „Internationale Gesellschaft für Jazzforschung“ mit dem Sitz an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz gegründet. Dieser 9. Jazzwissenschaftliche Kongress stand im Zeichen des Jubiläums von 40 Jahren Jazzforschung in Graz und gab den Veranstaltern Anlass, im Rahmen des Generalthemas „Jazz and Jazz Research in Europe“ auch auf die Geschichte der Jazzforschung in Europa Bezug zu nehmen.
Neben der Analyse von musikalisch- stilistischen Tendenzen in Europa war die Jazzforschung als ein Teil der europäischen Musikwissenschaft aus der Sicht von Musikologen, Jazzhistorikern, Musikjournalisten und Musikern Gegenstand von Untersuchungen. Dazu waren Referenten aus Italien, Frankreich, England, Skandinavien, den USA, Deutschland und Österreich eingeladen.

Das Tagungsprogramm

  • Herbert Hellhund (Hannover) Was ist authentisch? Einige Gedanken und Beobachtungen zum Jazz, nicht nur in Europa
  • Vincent Cotro (Tours) Perspectives and Recent Tendencies in French Jazz. An Overview
  • Jürgen Arndt (Detmold) Misha Mengelberg und Peter Brötzmann in improvisatorischen Dialogen zwischen Europa und den USA
  • Hans-Joachim Hessler (Duisburg) Charles Mingus in Europa, Charles Mingus und Europa, oder Was Charles Mingus über Europa dachte
  • Manfred Straka (Graz) Cool Jazz in Europa
  • Ekkhard Jost (Gießen) Stilistische Strömungen im deutschen Nachkriegsjazz der 1950er Jahre
  • Bruce Boyd Raeburn (New Orleans) Beyond the Spanish Tingue Hispanics, Latinos and Italiens in Early New Orleans Jazz
  • Luca Cerchiari (Padua) Jazz’s Songbook The European Repertoire
  • Maximilian Hendler (Graz) Nicolas Simion – Wanderer zwischen den Welten
  • Laurent Cugny (Paris) Jazz Research in France
  • Tor Dybo (Kristiansand) Jazz Research in Scandinavia
  • Tony Whyton (Salford) Jazz Research in Great Britain
  • Luca Cerchiari (Padua) Jazz Research in Italy
  • Christa Bruckner-Haring (Graz) Jazz Research in Spain
  • Bernd Hoffmann (Köln) „What a wonderful world“ – Ein fragmentarischer Blick auf die deutsche Jazzforschung
  • Franz Kerschbaumer (Graz) Jazzforschung in Österreich
  • Hermann Rauhe (Hamburg) Jazzforschung aus der Sicht als Gründungsmitglied der internationalen Gesellschaft für Jazzforschung

Die Referate werden größenteils in Band 42 (2010) des Jahrbuches „Jazzforschung/Jazz Research“ publiziert. In Kooperation des ORF mit dem Westdeutschen Rundfunk wurden Berichte und Interviews zumKongress im Rahmen einer Ö1/WDR3 Jazznacht am 23.Mai 2009 ausgestrahlt.

9. Arbeitstagung in Münster | 8. bis 9. Januar 2009

Kunstfertigkeit im Moment des Entstehens: Improvisation

Vielfältig sind die musikalischen Konzepte im Jazz: die Annäherungen an eine Komposition, die motivischen Wechsel und Klangfarben, das stete Wiederholen von Formen und rhythmischen Strukturen. Der zentrale Gedanke des Jazz führt aber unweigerlich zur Frage: Was ist Improvisation?

Das Tagungsprogramm

  • Stefan Hentz Improvisation – Hinführung zu einem schwierigen Thema
  • Ekkehard Jost Anmerkungen zur Improvisation
  • Franz Krieger Verborgene Vielfalt? Jazzgesang und sein irisierendes Verhältnis zur Improvisation
  • Günther Huesmann Metrische Improvisationen bei Wynton Marsalis
  • Andreas Eichhorn „Improvisation“ im Kontext der Inspirationsmythen des 19. Jahrhunderts
  • Odilo Clausnitzer Jazz ohne Improvisation?

Improvisation ist Variation in den älteren Spielmodellen des New Orleans- und Chicago-Jazz, Transformation im Swing. Sie verändert Melodien oder harmonische Abläufe – bis hin zur völligen Demontage von Formen und gruppendynamischen Strukturen im Free Jazz. Das Improvisieren gibt konkrete Auskünfte über stilistische Entwicklungen oder Brüche: Sie ist Kunstfertigkeit und Künstlertum im Moment des Entstehens, verlässlich abrufbar als zuvor geprobtes Muster im Prozess der Kreativität.

Die Analyse dieses schillernden Begriffs lässt das „Grundsätzliche“ im Jazz sicht- und hörbar werden. Die verschiedenen Improvisationsmodelle verraten die Herangehensweise von Improvisatoren und spiegeln sich in Bandkonzepten, die verschiedene kreative Impulse zu einer neuen Idee bündeln. Die Unverwechselbarkeit der amerikanischen und der europäischen Improvisationsmusik entsteht aus der schöpferischen Verwendung dieser verschiedenen Spielmodelle. Die Improvisation aber bestimmt den eigentlichen prozessualen Verlauf des Klangmaterials – und damit des Jazz.

Diesem für den Jazz zentralen Problembündel widmete sich die 9. Arbeitstagung von „Radio Jazz Research“, die im Vorfeld des 22. Internationalen Jazzfestivals in Münster stattfand. Thematisiert wurde u.a. die von Peter Niklas Wilson aufgestellte These von Jazz als Lebenshaltung („Hear and Now“). Gegenstand der Analyse war das improvisatorische Schaffen amerikanischer und europäischer Jazzmusiker, wobei die verschiedenen Aspekte des Begriffs „Improvisation“ beleuchtet wurden.

Ekkehard Jost widmete sich mit seinen „Anmerkungen zur Improvisation“ der Fragenach den Qualitätskriterien von Improvisation. Günther Huesmann analysierte die formbildende Funktion der metrischen Improvisationen bei Wynton Marsalis, während Franz Krieger in seinem Beitrag „Verborgene Vielfalt? Jazzgesang und sein irisierendes Verhältnis zum Jazz“ anhand verschiedener Aufnahmen von „All The Things You Are“ die stilistischen Merkmale einer jazzspezifischen Gesangsästhetik herausarbeitete.

Andreas Eichhorn widmete sich in einer historischen Betrachtung der überragenden Bedeutung, die die Improvisation im 19. Jahrhundert für Komponisten, Interpreten und Zuhörer hatte.

7. Arbeitstagung in Remagen-Rolandseck | 19. und 20. Juni 2008

7. Arbeitstagung 19. bis 20. Juni 2008 in Remagen-Rolandseck

Wild Card

Es bedarf nicht immer eines übergeordneten Themas, um „Radio Jazz Research“ in Diskussion zu versetzen. Bei der Arbeitstagung in Rolandseck wurden verschiedene Themenansätze bearbeitet, die bei anderen Veranstaltungen bereits diskutiert wurden. Die Verknüpfungen ergeben sich, wenn im Zusammenhang mit der Jazzszene Hamburg die Rolle des NDR als ortsansässiger Rundfunkanstalt beleuchtet wird.

Das Tagungsprogramm

  • Michael Rüsenberg Das „Radiothema“ bei der Bremer jazzahead!
  • Wolfgang Rauscher Argumentation zur betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit, Ganzjahresveranstalter des Jazz zu subventionieren
  • Gabi Benedix & Stefan Gerdes Jazz in Hamburg
  • Günther Huesmann „Ich bin ein Monster, und du bist es auch“ – John Zorn und Naked City
  • Jürgen Arndt Special Moments – Jazz in Performance
  • Andreas Felber Die Wiener Free-Jazz-Avantgarde im Spiegel der Selbstfindung des europäischen Jazz in den 1960er bis ’90er Jahre
  • Bernd Hoffmann Grenzkontrollen im deutschen Jazz

6. Arbeitstagung in Moers | 12. Mai 2008

Jazz in Germany

Beim moers festival 2008 veranstaltete „Radio Jazz Research“ in Zusammenarbeit mit dem Kulturradio WDR 3 erstmals ein „Kulturpolitisches Forum WDR 3“ zum Thema: „Jazz in Germany“. Sechs Fachjournalisten diskutierten am Pfingstmontag, den 12. Mai 2008 das Thema „Jazz in Germany – Gedanken über Festivals, Platten und Jazz-Radios“.

Dabei ging es um die Differenz zwischen gut ausgebildetem Jazznachwuchs, lebendigen Jazz-Communities und Festivals in Deutschland auf der einen wie der kaum festzustellenden öffentlichen Wahrnehmung dieser Vielfalt auf der anderen Seite. Es wurden Fragen erörtert: „Wie ist es um den Jazznachwuchs bestellt?“ „Warum findet Jazz in Deutschland so selten eine Resonanz in der öffentlichen Meinung?“ „Warum zieht sich das Feuilleton der deutschen Tageszeitungen aus der Jazzberichterstattung zurück?“ „Besitzt die Pop-Kritik das größere Diskurs-Potential?“

Es diskutierten Ralf Dombrowski (Spiegel Online, Jazzzeitung), Martin Woltersdorf (Kölner Stadt- Anzeiger), Stefan Hentz (Die Welt, Die Zeit), Wolf Kampmann (Jazz thing, Jazzthetik) und Wolfgang Rauscher (Jazzzeit). Moderator war Bert Noglik.

5. Arbeitstagung in Amsterdam | 14. bis 15. Februar 2008

5. Arbeitstagung, 14. bis 15. Februar 2008 in Amsterdam

Dutch Swings

Am 14. und 15. Februar 2008 trafen sich die Mitglieder von „Radio Jazz Research” mit holländischen Kollegen in Amsterdam. In den Niederlanden sind Jazz und improvisierte Musik gesellschaftlich weitaus stärker anerkannt als beispielsweise in Deutschland. Zahlreiche Hochschulen bilden Jazzstudenten aus. Die Szene stützt sich auf gefestigte Förderstrukturen. Das alle zwei Jahre von der „Dutch Jazz Connection” veranstaltete „DutchJazzMeeting“ ist eine spannende Leistungs- und Werkschau des holländischen Jazz. Auf größeren und kleineren Festivals – wie etwa das „North Sea Jazz Festival“ in Rotterdam oder der „ZomerJazzFietsTour” in Groningen – teilen sich holländische Musiker die Bühne mit internationalen Jazz-Acts. Mit dem Bimhuis/Musziegebouw in Amsterdam hat Holland eine der weltweit bedeutendsten Spielstätten für improvisierte Musik.

Das Tagungsprogramm

  • Paul Gompes Förderstrukturen in den Niederlanden
  • Sebastian Ohm/Susanne Alt Deutsche Jazzmusiker in den Niederlanden
  • Huub van Riel Besuch vom Bimhuis/Musziegebouw
  • Konzert Michael Moore
  • Vera Vingerhoed, Bert Vuijse, Ditmer Weertmann Jazz-Medien in den Niederlanden
  • Joop Mutsaers (Jazz in Arnhem) Jazzclubs in den Niederlanden
  • Michelle Kuypers (NSJF) Jazzfestivals in den Niederlanden: North Sea Jazz Festival

Anlass des RJR-Besuches lässt sich feststellen, dass es weniger mangelnde Kenntnisse über holländische Musiker und Bands gibt, der Informationsbedarf über Infrastruktur und kulturpolitische Rahmen- bedingungen entsprechend hoch ist. Daran hat sich – auf den ersten, flüchtigen Blick – seit Dekaden wenig geändert. 1986 schrieb Ekkehard Jost in „Europas Jazz 1960-80“: „Tatsächlich ist die Jazzszene in den Niederlanden seit geraumer Zeit in einem Maße organisiert, mit den kulturellen Institutionen des Staates liiert und durch diese subventioniert, wie dies in keinem anderen Land der Welt der Fall ist.“ 22 Jahre nach Josts Analyse fällt das Fazit kaum anders aus. Paul Gompes von der „Dutch Jazz Connection“ bringt Licht ins Dickicht der „Förderstrukturen in den Niederlanden“, klärt auf über Fonds und funds, ministries und subsidies. Und immer wieder fällt das Zauberwort Stichting, Stiftung.

Nicht minder kompliziert ist die Rundfunk-Struktur für den Außenstehenden. Ein Satz, der wohl am ehesten hängen blieb: „25 years ago we had much more jazz on radio than now“, ein ernüchterndes Fazit der Jazzredakteurin Vera Vingerhoeds. Das Thema „Jazz-Medien in den Niederlanden“ komplettieren der Print-Journalist Bert Vuijse und Ditmer Weertman vom „Nederlands Jazz Archief“.

Jazz in den Niederlanden: Das ist auch eine ästhetische Standortbestimmung. Was Kevin Whitehead in seiner Publikation „New Dutch Swing“ formulierte, wird in einem jüngst von der „Stichting Gaudeamus“, der „Stichting Donemus“ und der „Dutch Jazz Connection“ herausgegebenen Buch über (Improvisierte) Musik in den Niederlanden aufgegriffen. Im Einleitungskapitel „Typically Dutch“ (sic!) heißt es: „The very lack of uniformity and conformism, the atypical or even antitypical is, paradoxically, closer to what defines the typically Dutch: this doesn’t sound like Stockhausen, not like Adams, not like Sclavis, not like Marsalis, but it does sound good, this might well be Dutch music“.

Institutionalisiertes Epizentrum dieser Ästhetik und Haltung ist: das Bimhuis. Nach der RJR-Tagung im Bimhuis, ist der Abend den Konzerten vorbehalten. Der Abend eröffnet mit einem Konzert des Michael Moore Quintet, der Band eines US-Amerikaners, der vor 30 Jahren begann, engere Bande zur holländischen Szene zu knüpfen, und seit 1985 in Amsterdam lebt. „I was lost in New York, I didn’t know exactly what I wanted to do, and I wasn’t ambitious and I didn’t go out and talked to people about myself and all that”, schildert Moore im Interview mit Karsten Mützelfeldt seine Beweggründe, nach Amsterdam überzusiedeln. „So I was happy to live in Amsterdam! It seems like everything was much more relaxed and you didn’t have to spend 70 percent of your income on rent“. Auch wenn manche das jahrelange Mitglied des ICP Orchestra (jährliche Förderung: 94.299 €) rauer und lauter kennen. Mit seinem melancholisch-lyrischen Quintett sucht er einen Ausgleich zur extrovertierten freien Spielweise der Großformation.

Szenenwechsel: ein anderer jazzmusikalischer Spielplatz, das Café Alto. Dort spielt Susanne Alt, Altsaxofonistin. Die gebürtige Würzburgerin ist alles andere als eine ästhetische Gesinnungsgenossin Moores, als Wahlamsterdamerin teilt sie jedoch mit ihm eine Schicksalsgemeinschaft. In ihrem Vortrag am nächsten Tag berichtet sie mit dem ebenfalls in Holland lebenden Saxofonisten Sebastian Ohm über „Deutsche Jazzmusiker in den Niederlanden“. Darüber, dass es auch in den holländischen Konservatorien jenen Richtungsstreit gibt, die Spaltung in ein konservatives, verschultes, an Tradition und Handwerk orientiertes Studium auf der einen, und ein offeneres, stärker die eigene Originalität förderndes Studium auf der anderen Seite. Und dass angesichts eines sehr hohen Prozentsatzes deutscher Studenten weiterhin – wenn auch längst nicht mehr so spürbar wie noch vor einigen Jahren – eine latent antideutsche Stimmung herrscht.

4. Arbeitstagung in Bielefeld | 4. und 5. September 2007

Jazz und Internet

Während die Presse, wie wir sie kennen, mit großen Problemen zu kämpfen hat und der herkömmliche Vertrieb von Musik seine Zeit überschritten zu haben scheint, konzentrieren sich viele Hoffnungen von Musikern und Musikinteressierten auf eine glänzende Zukunft im Internet.

Das Tagungsprogramm

  • Marco Jung web 2.0 – Eine Einführung
  • Oliver Schäfer Musiknutzung im Internet – rechtliche Rahmenbedingungen und Vertragsgestaltung
  • Barbara Buchholz, Hanna Bächer, Frank Sackenheim, Mod. Odilo Clausnitzer MySpace – Kommunikation im Web 2.0
  • Julian Finn Kulturflatrate – Alternativen zum Urheberrecht im WWW
  • Jörg Heyd Weblog – „Neue“ Formen im Musikjournalismus
  • Michael Rüsenberg Die Jazzcity Net Edition

Als Instrument zur Gründung von neuen Netzwerken hat das Internet sich längst bewährt. In Frage steht noch, ob es den Austausch von Neuigkeiten, Einschätzungen und Informationen fördert. Angesprochen werden vor allem Musiker, die in den weniger dicht besiedelten Sektoren ihrer Kunst arbeiten und sich über das Internet einen direkten Weg zu ihrem – auch zahlenden – Zielpublikum bahnen.