Ulrich Kurth, 1953-2021

Michael Rüsenberg (mit freundlicher Genehmigung von jazzcity.de)

Als er im April 1990 Leiter der WDR-Jazzredaktion wurde, zog eine mehr journalistische Perspektive ein.
Die entsprechende Praxis hatte er als Musikredakteur im Kabelpilotprojekt Dortmund und ab 1984 im WDR-Landesstudio Bielefeld gelernt.
Zur Arbeitsplatzbeschreibung gehörte dabei nicht nur Berichterstattung, genreübergreifend, sondern auch Widerspruch gegen den Studioleiter, ein Prachtexemplar der damals noch obwaltenden „Landesfürsten“, die die musikalische Topographie ihrer Region durch deren Chöre vollumfänglich repräsentiert sahen.
Das neue Sujet in Köln war Kurth keineswegs neu. Seine theoretische Legitimation dazu hatte er 1981 an der Universität Kiel hinterlegt, in einer Dissertation unter dem Titel „Aus der Neuen Welt: Untersuchungen zur Rezeption afro-amerikanischer Musik in der Europäischen Kunstmusik des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts“.
Der praktische, ja ausgesprochen manuelle Teil der Legitimation, an den Studienorten Bonn, Berlin, Kiel gereift bis zu einem „semi-professionellen“ Level, ging dem vorauf und kam 1979 zum Abschluß: da folgte auf seinen Posten in der Hamburger Band Stintfunk ein 18jähriger Pianist namens Hans Lüdemann.
Ab 1973 pilgerte er zu einer Veranstaltung, die er dann zwischen 1990 und 1998 backstage als Redakteur begleitet hat: das Moers Festival.
Wie sein Vorgänger (Manfred Niehaus) und seine Nachfolger (Markus Heuger, Bernd Hoffmann, Tinka Koch) hat Ulrich Kurth Clubs, Festivals und zahlreiche Künstler gefördert, manche auch mehr.
Mit seinen 10 Jahren als WDR-Jazzredakteur verbindet sich insbesondere die Karriere des Jazzkomponisten Klaus König, dessen Big Band Projekt „The Song of Songs“ 1993 beim Jazzfest Berlin uraufgeführt, und – those were the days, my friend – zuvor im „Spiegel“ umfassend gewürdigt wurde.

Er hatte Schwerpunkte, ja; aber seine generelle Linie lässt sich am besten mit einem Geri Allen-Titel wiedergeben, „Open on all Sides – in the Middle“.
Oder, in den Worten einer Kondolenz-Mail, die uns aus dem Tal erreicht: „Mit einem stillen Grinsen denke ich daran, wie er von der dogmatischen Stieseligkeit mancher Wuppertaler genervt war. Er gehörte noch zu den Leuten, denen das Sujet ein großes Anliegen war“.
Und dieses Sujet hörte einfach nicht auf, auch in-house als Anliegen verteidigt werden zu müssen. Zum Beispiel 1997 in einem herrlichen Über-die-Bande-Spiel mit der Lokalpresse gegen einen Hörfunkdirektor, dessen Dienstzimmer ihn als Rocker auswies, dem aber für die ältere, weniger populäre Nachbargattung, selbst in den Nachtstunden, das Verständis auszugehen drohte.
Ulrich Kurth war ein umgänglicher, ein beliebter, ein heiterer Mensch, und ich darf sagen: ein höchst angenehmer Chef.
1996 wurde bei ihm „MS“ diagnostiziert. Einschränkungen stellten sich zunächst kaum merklich ein; später betrieb er großen Aufwand, sie zu verbergen – er hing einfach zu sehr an seinem „Sujet“.
Anfang der 2000er Jahre beendete er sein Berufsleben als Teamchef Musik von WDR 3. Später veröffentlichte er eine Monografie über Tony Oxley (Wolke Verlag, 2011).
Die letzten sieben Jahre lebte er in einem Heim. Anfangs gelang ihm noch, im Rollstuhl den Ehrenfeldgürtel zu überqueren, ins Loft, oder zum Singen im Chor.
Dr. Ulrich Kurth, geboren am 28.09.1953 in Kaltenkirchen bei Hamburg, starb am 12. August in Köln-Ehrenfeld, im Kreise seiner Familie, wenige Wochen vor seinem 68. Geburtstag.

https://www.jazzcity.de/index.php/news/2594-ulrich-kurth-1953-2021

Text: Michael Rüsenberg

39. Arbeitstagung: 30. und 31. Juli Jazz in Europa – Zur aktuellen Situation

Gemeindeamt Diersbach, Am Berg 5, 4776 Diersbach

30. Juli 2021

10.00 Uhr Begrüßung: Bernd Hoffmann, Oliver Weindling und Paul Zauner

10.15 Uhr Podium 01: Die europäische Perspektive
Mit Urs Röllin (Schweiz), Susanna von Canon (Niederlande), Oliver Weindling (England),
Antoine Bos (Frankreich), Mario Steidl (Österreich). Moderation: Michael Rüsenberg

12.00 Uhr Podium 02: Aus dem Jazz-Club ins Internet
Mit Oliver Weindling (Vortex), Kornelia Vossebein (Stadtgarten), Paul Zauner (Jazzclub
Passau) Moderation: Lena Jeckel

13.30 Uhr Mittagessen, Kirchenwirt Diersbach

15.00 Uhr Jazz und die Medien: Jazz-Konzerte Streamen, Labels und Rundfunk
Mit Andreas Felber (ORF), Jörg Heyd (WDR), Urs Röllin (Jazzfestival Schaffhausen), Volker
Dueck (Double Moon), Moderation: Bernd Hoffmann

16.00 Uhr Jazzjournalismus in Deutschland
Aylin Öz (Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover): Jazz in den deutschen
Medien – Ergebnisse qualitativer Interviews mit Journalisten überregionaler Medienhäuser.
Moderation: Michael Rüsenberg

Juli 2021

10.00 Uhr Mitgliederversammlung Radio Jazz Research e.V.

11.00 Uhr Untersuchungen zur Situation
Arndt Weidler (Jazzinstitut Darmstadt): Post-Covid und allgemeine Fatigue oder NEUSTART
ins New Normal? Die Jazzlandschaft nach der Pandemie. Anke Steinbeck (Deutscher Musikrat): Eiszeit im Musikleben? Die Studie des Deutschen Musikrates zu den Auswirkungen der Pandemie. Moderation: Oliver Weindling

12.30 Uhr Podium 03: (Digitale) Lehre in Corona-Zeiten, Christa Brucker-Haring (Universität für Musik und darstellende Kunst Graz): Distance Learning – Methoden, Werkzeuge und Erfahrungen. Moderation: Bernd Hoffmann

13.30 Mittagessen, Kirchenwirt Diersbach

Die 39. RJR-Arbeitstagung in Diersbach findet in Zusammenarbeit mit dem INNtöne Jazzfestival statt und wird von Paul Zauner unterstützt.

7. Arbeitstagung in Remagen-Rolandseck | 19. und 20. Juni 2008

7. Arbeitstagung 19. bis 20. Juni 2008 in Remagen-Rolandseck

Wild Card

Es bedarf nicht immer eines übergeordneten Themas, um „Radio Jazz Research“ in Diskussion zu versetzen. Bei der Arbeitstagung in Rolandseck wurden verschiedene Themenansätze bearbeitet, die bei anderen Veranstaltungen bereits diskutiert wurden. Die Verknüpfungen ergeben sich, wenn im Zusammenhang mit der Jazzszene Hamburg die Rolle des NDR als ortsansässiger Rundfunkanstalt beleuchtet wird.

Das Tagungsprogramm

  • Michael Rüsenberg Das „Radiothema“ bei der Bremer jazzahead!
  • Wolfgang Rauscher Argumentation zur betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit, Ganzjahresveranstalter des Jazz zu subventionieren
  • Gabi Benedix & Stefan Gerdes Jazz in Hamburg
  • Günther Huesmann „Ich bin ein Monster, und du bist es auch“ – John Zorn und Naked City
  • Jürgen Arndt Special Moments – Jazz in Performance
  • Andreas Felber Die Wiener Free-Jazz-Avantgarde im Spiegel der Selbstfindung des europäischen Jazz in den 1960er bis ’90er Jahre
  • Bernd Hoffmann Grenzkontrollen im deutschen Jazz