Die WDR 3 Jazz & World-Sendung vom 21.12.2018 hier zum Nachhören.
Ein Höhepunkt des Jazzjahres 2018 dürfte völlig unumstritten sein: die Veröffentlichung einer 55 Jahre alten Studioproduktion von John Coltrane unter dem Titel „Both Directions at Once“. Der Jubel kannte kaum Grenzen, mancher Kritiker nutzte seine Begeisterung sogleich, um den Jazz der Gegenwart „in einem traurigen Licht“ neben Übervater Coltrane zu sehen.
Michael Rüsenberg nimmt sich ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung der vergessenen Bänder, Zeit und Ruhe, um zu einem abgewogeneren Urteil zu gelangen. Dazu werden Experten gehört wie die Saxophonisten Sebastian Gille (Köln) und Wolfgang Schmidtke (Wuppertal), der Musikpsychologe Raymond MacDonald (Edinburgh), der Musikwissenschaftlers Gerhard Putschögl (Frankfurt) sowie der Musikforscher Klaus Frieler (Hamburg). Dazu gehört auch ein Blick in die internationale Rezeption dieses Albums, z.B. sehr ausführlich in US-Medien.
John Coltrane: Both Directions At Once – The Lost Album Aufnahme vom 6.3.1963 in den Van Gelder Studios, Englewood Cliffs, New Jersey, USA
Moderation: Michael Rüsenberg Redaktion: Werner Wittersheim
RJR-Mitglied Sebastian Scotney schreibt in seinem Blog «LondonJazzNews» über die 35. Radio Jazz Research-Tagung in Salzburg:
«The conferences of the Radio Jazz Research group provide a useful point of confluence between people promoting and presenting jazz – such as jazz broadcasters, festival and concert promoters – and current academic research. And this 35th session in Salzburg in October 2018 gave those of us outside the academic world a useful window into it.»
„Improvisation. Neue Perspektiven“– Tagungsprogramm
Donnerstag, 18.10.2018: 15.00 Uhr – 18.15 Uhr
15:00 Uhr Begrüßung durch Tina Heine, künstlerische Leiterin des Festivals „Jazz & The City“, und Bernd Hoffmann, Vorsitzender von Radio Jazz Research
15:15 Uhr Michael Rüsenberg: Heraus aus dem Jazz – Improvisation, eine Qualität des Lebens
15:45 Uhr Diskussion
16:00 Uhr Pause
16:15 Uhr Gerhard Putschögl: Paraphrasierendes Variieren als universelle musikalische und sprachliche Improvisation
16:45 Uhr Diskussion
17:00 Uhr Pause
17:15 Uhr Iwan Wopereis: What Experts think of Improvisation – a survey among RJR Members
17:45 Uhr Diskussion
19:00 Uhr Abendessen
Freitag, 19.10.2018: 10.00 Uhr – 13.00 Uhr
10:00 Uhr Raymond MacDonald Notes from the Psychology of Improvisation
10:30 Uhr Diskussion
10:45 Uhr Pause
11:00 UhrKlaus Frieler Dig that Note – Die Weimar Jazz Database
11:30 Uhr Diskussion
11:45 Uhr Pause
12:00 UhrGeorg Bertram Man kann nicht Nicht-Improvisieren
12:30 Uhr Diskussion
13:30 Uhr Mittagessen
Wer nach Deutschland gegen Südkorea 0:2 noch bereit ist, über zwei Halbzeiten bzw. zwei Chorusse hinaus zu denken, der wurde am 27.6.18 um eine Erkenntnis reicher: die Volatilität des Gelingens der Löw-Mannschaft würde kein Jazzmusiker akzeptieren (und auch niemand unter seinen Hörern).
Selbst in einem Bereich, den die meisten für die Heimat der Improvisation halten, wo Improvisation als „Herzblut“ gilt, als „primäres Merkmal“, wäre das der Improvisation (und des Risikos) zuviel.
Gibt es eine bessere Voraussetzung für die RJR-Tagung „Improvisation. Neue Perspektiven“ in Salzburg?
Dahinter verbergen sich aber auch uralte Erkenntnisse: Improvisation ist viel älter als der Jazz, sie ist, wie Michael Rüsenberg zeigen wird, „eine Qualität des Lebens“. Er zieht eine Quersumme aus eigenen Recherchen vom Film, vom Fußball, von der Politik bis zur Chirurgie, wo ein HNO-Arzt sagt: „Wer die Ohrspeicheldrüse operieren will, muss improvisieren können.“
Iwan Wopreis (Open University NL) präsentiert eine brandaktuelle Studie unter RJR-Mitgliedern, in der er zeigen wird, „how you as a group of jazz experts regard improvisational expertise“.
Der bekannte Musikpsychologe Raymond MacDonald (University of Edinburgh) stellt Erkenntnisse aus seinem Bereich der Improvisationsforschung dar; er wird u.a. von Jazzmusikern in Glasgow berichten, die zu den TV-Bildern der WM 2018 improvisiert haben.
Was in einer Improvisation wirklich passiert, welcher Ton in welcher Kombination mit anderen erklingt, weiß keiner besser als Klaus Frieler. Er stellt die Weimar Jazz Database vor, eine Sammlung von 500 Jazzsoli, in der computer-gestützt analysiert werden kann wie nie zuvor.
Und schließlich Georg Bertram (FU Berlin). Der Philosoph verfügt, neben Alessandro Bertinetto, über die am besten ausgearbeitete Theorie der Improvisation. Sie führt weit, weit aus dem Jazz heraus. Bertram wird zeigen „Man kann nicht Nicht-Improvisieren!“.
Foto: Die Altstadt von Salzburg. Blick vom Mönchsberg auf die Festung Hohensalzburg und auf die Salzburger Altstadt. (Rechte: Free Art License 1.3)
In einer Zeit, in der uns der Mut zum Abenteuer abhanden zu gekommen scheint, in der man sich von Trip Advisor sagen lässt, wohin man reisen mag, der Wetter-App mehr vertraut als der Nase im Wind, in der man Partner nach Filtern auf Portalen sucht und Spotify uns sagt, welche Songs unbedingt in die eigene Playlist gehören, lädt das Jazz & The City Festival unter dem Motto «Let’s Get Lost» vom 17.-21.10.2018 ein, seine Filterblasen zu verlassen und sich treiben zu lassen.
Die 19. Ausgabe des Festivals für Jazz, World & Electronic Music wandelt die Salzburger Altstadt in eine Stätte der Ideen. Über 40 Orte werden an 5 Tagen von über 200 MusikerInnen aus aller Welt mit 100 Konzerten neu gestaltet – alle bei freiem Eintritt. Neben festen Programmpunkten gibt es eine Reihe „Blind Dates“ – Konzerte, bei denen oft bis kurz vor Beginn noch nicht feststeht, wer spielen wird.
Instinkt, Neugierde, Spontanität und ein offenes Herz für unerwartete Begegnungen mit Musik, guten Leuten und guten Orten sind die Ingredienzien für ein Festival, das man nicht so schnell vergisst!
Unser Mitglied Stefan Hentz blickt zurück auf die «Wildcard»-Tagung, die Anfang April diesen Jahres in Remagen stattfand. In seinem Bericht zeigt er die Verbindungslinien zwischen den doch auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Themenfeldern der Vorträge auf. Hier geht es zum Beitrag.
Radio Jazz Research-Mitglied Sebastian Scotney blickt zurück auf die Tagung «Jazz und Humor», die Anfang Juni in Lübeck stattfand. Der englische Beitrag ist hier abrufbar.
Am 18. und 19. Oktober trifft sich der Radio Jazz Research e.V. zu seiner 35. Arbeitstagung in Salzburg. Thema dort wird Improvisation sein. RJR-Mitglied Michael Rüsenberg hat ein Programm zusammengestellt, das Improvisation als ein Phänomen begreift, das sich auf viele (oder gar alle?) Lebensbereiche erstreckt. Wir werden uns dahingehend intensiv mit der Improvisation im Jazz beschäftigen, aber auch bewusst den Blick öffnen.
Die Tagung in Salzburg wird möglich durch eine Kooperation mit dem Festival «Jazz & The City», das vom 17. bis 21. Oktober in Salzburg stattfinden wird. Tina Heine, RJR-Mitglied und künstlerische Leiterin des Festivals, unterstützt den Verein in der Realisierung der Tagung ganz erheblich. Dafür möchten wir ihr an dieser Stelle ausdrücklich danken!
Mitglieder von Radio Jazz Research können sich noch bis Ende Juli zur Tagung anmelden. Wer Interesse an einer Mitgliedschaft im Verein hat, kann sich per Mail an hoffmann[at]radiojazzresearch.de wenden.
Bernd Hoffmann (Köln) Das „swingende“ Zäpfchen des Cab Calloway. Humoristische Abbildungen im Musical Short der 1930er Jahre (Klicken für Details)
Mit dem Beginn der Tonfilm-Ära entwickelt sich ein kommerzielles Kurzfilm-Format, das neben anderen journalistischen Themenfeldern auch Repertoire der US-amerikanischen populären Musik abbildet. Die musikalische Bandbreite lässt sich auf bis zu zwanzig stilistische Repertoirefelder differenzieren. Diese Musical Shorts, in ihrer meist zehnminütigen Darstellungspraxis den heuten Videoclips durchaus ähnlich, basieren auf der gleichzeitigen Produktion von Bild und Ton. 14 größere Produktionsfirmen wie Columbia, Educational, Fox, MGM, Paramount, Pathé/RKO, Pathé, Universal und Warner Bros./Vitaphone beliefern bereits 1929 über 5000 Filmtheater der USA mit Tonfilmen.
Ein wenig beachtetes Repertoire im Produktionsfeld der Musical Shorts sind Animationsfilme, die heute teilweise zensiert, einen ausgiebigen Blick auf die problematische Darstellung von Musikerinnen und Musikern jener Zeit erlauben. Sowohl weiße als auch wenige schwarze Improvisatoren werden in ihren Jazz-Präsentationen überzeichnet und karikierend porträtiert. Vor allem bei der Vorstellung afro-amerikanischer Künstlern wie Cab Calloway, Fats Waller oder Louis Armstrong lässt sich ein starker rassistischer Einschlag beobachten: Unter dem Deckmantel des „Humors“ leben die Konventionen des Minstrelsy weiter, deren visuelles Markenzeichen – Blackface – den agierenden Improvisatoren im animierten Musical Short „übergestülpt“ wird. Diese optische Zuschreibung wird durch die teilweise clowneske Rezeption des frühen USA-Jazz verstärkt, die für die 1930er Jahre besonders typisch ist.
Götz Bühler Der Witz und der Jazz
Konstantin Jahn
Jazzkritik: Jazz und die Humorlosigkeit seiner Anhänger
«Jazz has a sense of humor», attestierte schon Horace Silver. Autor und Moderator Götz Bühler kramt in seiner vollgestopften Witzekiste und tritt an, um das zu beweisen.
In der Gesprächsrunde „Fortschritte – Rückschritte – Perspektiven des deutschen Jazz“ bringt Arne Schumacher drei Protagonistinnen der aktuellen deutschen Jazzszene ins Gespräch, die in Hamburg und Köln ausgebildete Bassistin und Komponistin Hendrika Entzian, die Produzentin Stefanie Marcus von dem erfolgreichen Berliner Label „Traumton“ sowie Lena Jeckel, künstlerische Leiterin des Bunker Ulmenwall in Bielefeld.